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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
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Zweifellos werden durch ihn die ohnehin bei uns sehr hohenVerteilungskosten noch weiter verteuert, wie das aus unsermsehr hohen Kleinhandelsindex von über 164 hervorgeht. Durchdie dafür aufgewendeten Kapitalinvestitionen wird zu-dem der Wirtschaft an anderer Stelle dringend benötigtesKapital entzogen. Es ist mir sehr zweifelhaft, ob diese schwerenNachteile durch den Vorteil größeren Fremdenverkehrs ausge-glichen werden, und ich fürchte, daß in Zeiten rückgängiger In-landskonjunktur die hohen Laden- und Lokalmieten nicht mehraufgebracht werden können, so daß sich ein erheblicher Teil derAufwendungen dafür als Fehlinvestitionen erweisen werden.Dem Ausländer wird aber durch diese äußere Pracht ein gefähr-licher, gar nicht vorhandener Wohlstand vorgetäuscht. Zuzugebenist, daß die ebenfalls recht opulent ausgestatteten Warenhäusersich bisher recht gut rentieren.

Hat sich die Lebenshaltung verschlechtert?

Von gewerkschaftlicher Seite wird behauptet, die Lebens-haltung der breiten Massen, insbesondereder Arbeitnehmer, bleibe noch erheblichhinter der Vorkriegszeit zurück.

Diese Behauptung ist zunächst bezüglich der Wohnungunrichtig. In 63,4 v. H. aller bewohnten Wohnungen kam nureine Person auf den Wohnraum; in 31 v. H. zwei Personen;nur in 5,6 v. H. mehr als zwei! In den Großstädten warendurchschnittlich nur 5 v. H. aller Wohnungen mit mehr als zweiPersonen je Wohnraum belegt. Mit Ausnahme von Breslau und Hannover hat in ihnen die Wohndichte gegenüber 1910abgenommen. Bei Breslau ist das auf den Zuzug der aus denabgetretenen Ostmarken Abgewanderten zurückzuführen. Wennauch heut noch die absolute Zahl der behelfsmäßigenWohnungen etwas höher ist als vor dem Krieg, so spielendiese doch nach den amtlichen Erhebungen im Rahmen des Ge-samtbestandes nur eine geringe Rolle. Die unter Zuhilfenahmeöffentlicher Mittel massenhaft gebauten Wohnungen sind gerade

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