Druckschrift 
Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

lasten näherzutreten. Die Zustimmung zu den Pariser Be-schlüssen ließe sich nur dann rechtfertigen, wenn sie der deutschenWirtschaft eine wesentliche Entlastung bringt. Die Er-mäßigung der Reparationslasten zu Lohn-steigerungen in den öffentlichen Betrieben,denen die privaten dann zwangsläufig folgenmüßten, zu verwenden, hieße ihre Selbst-kosten weiter steigern, sie immer wett-bewerbsunfähiger zu machen. Das wäre Kata-strophenpolitik. Mit ihr sägen die Gewerk-schaften den Ast ab, auf dem sie selber sitzen.

Man fürchtet bei Nichterfüllung der Eisenbahner-Forde-rungen die Gefahr eines großen Streiks. Sie ist gewiß nicht zuunterschätzen und würde das ohnehin kranke deutsche Wirtschafts-leben weiter schwächen. Indessen, wenn es nicht gelingt dieArbeitnehmer zur Einsicht zu bringen, wie verhängnisvoll sichihre Haltung schließlich für sie selber auswirken muß, so mußselbst diese gefährliche Eventualität einmal in Kauf genommenund der Kampf bis zum bitteren Ende durchgefochten werden.Von einer Niederlage der Streikenden würde dann eine Ge-sundung der Verhältnisse zu erwarten sein. Das war auchCberts Ansicht, als im Frühjahr und Sommer 1919 überallwegen nichtigster Gründe gestreikt wurde.

Man muß auch einmal den Mut haben etwas zu riskieren,wenn sich nur dadurch gesunde Verhältnisse herbeiführen lassen.Als im Frühjahr 1919 der Reichswehrminister Noske dieSpandauer Werkstätten schloß, weil sie monatlich 30 Mill. M.Zuschuß erforderten und schon bei Fortzahlung der Löhne ohneArbeitsleistung allmonatlich mehrere Millionen gespart wurden,wurden sie mir zur Umstellung auf Friedensbetrieb überwiesen.Nachdem ich 38 099 Arbeiter anderweit untergebracht hatte,erklärte ich in einem Anschlag, 7000 Arbeiter weiter beschäftigenzu wollen, aber nur solche, die bereit seien, für Akkord geeigneteArbeiten in diesem zu übernehmen. Entsetzt fragte mich Noske, alser davon Kenntnis erhielt und er war doch gewiß ein mutigerund energischer Mann ob ich denn meine, daß er so viel

85