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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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die oben gewünscht wurden, einfach nicht zu Worte kommen Hess. Die deutsche Presse hatte keinen Raum für diejenigen, die sich dem zurzeit herrschendenpolitischen System nicht anzupassen wussten. Das hat auch der Schreiberdieser Zeilen erfahren müssen. Vergeblich suchte er wiederholt davor zuwarnen, dass man in Deutschland österreichische Politik machte, weil erin dieser österreichischen Prestigepolitik eine Gefährdung des Friedens er-blickte. Die deutschen Revuen und Tageszeitungen nahmen keine Artikel auf,die sich irgendwie eine Kritik dieser, wie Fürst Lichnowsky sie treffend kenn-zeichnet,wahnsinnigen Dreibundspolitik erlaubten. So konnte das Märchenvon demvitalen Interesse Deutschlands an der den Frieden gefährdendenösterreichischen Balkanpolitik ungehindert seinen Lauf nehmen. Kein Menschin Deutschland wagte es, an der Richtigkeit der offiziellen Darstellungen überdie internationale politische Lage zu zweifeln. Und so hatten diejenigen, dieauf eine Vermeidung des Weltkrieges hinarbeiten und einer solchenverderblichen Politik entgegenwirken wollten, von vorneherein verlorenes Spiel.

So war es vor dem Kriege und so ist es auch jetzt während desKrieges! Nur, dass das Gesagte jetzt, wo die Zensur herrscht und das Militärunbeschränkter als je regiert, noch in verstärktem Masstabe gilt. Das spre-chendste Beispiel dafür ist wohl die Behandlung, die jetzt der Denkschrift desFürsten Lichnowsky in Deutschland zuteil geworden ist. Diese Denk-schrift enthält nichts als die schlichte Wahrheit, und zwar von seiten eines injeder Hinsicht unverdächtigen und sachverständigen Zeugen, von seiten einesMannes, der besser in der Lage war, die Wahrheit zu erkennen, als die meistenseiner Mitmenschen. Für die Eingeweihten bringt sie keine besonderen Ent-hüllungen. Sie bestätigt lediglich Dinge, die sich jeder von selbst sagen musste,der sich nur etwas intensiver mit den Fragen der auswärtigen Politik befassthatte. Sie stellt auch keine tiefgründigen Betrachtungen an, sondern nimmtdie Dinge, wie sie sind, und zeichnet die Ereignisse vom Standpunkte despraktischen Staatsmannes und Diplomaten. Sie stellt sich auf denjenigenpolitischen Standpunkt, von dem man wünschen müsste, dass auch derHerr von Bethmann Hollweg ihn eingenommen hätte, weil derWelt dieser Krieg dann erspart geblieben wäre.

Es hat keinen Zweck, dass ich hier eine Analyse der Denkschrift gebe.Sie spricht in ihrer einfachen, klaren Deutlichkeit für sich selbst. Alles wasLichnowsky über Serbien, Österreich, England, Frankreich, Russland und last but not least Deutschland sagt, wird man rückhaltlos unterschreibenkönnen. Wer die Verhältnisse kennt, weiss, dass auch dasjenige, was er ins-besondere in seinem Rückblick zur Kritik des in Berlin herrschenden Systemssagt, in allen Punkten zutreffend ist. Niemand, der auch nur ein bisschen

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