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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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einen Einblick in die englische Politik vor dem Kriege getan hat, kann fernerdaran zweifeln, dass namentlich alles, was über die friedliche Politik Englands und Sir Edward Greys gesagt wird, durchaus den Tatsachen entspricht. Auchwas über die Schuld am Kriege gesagt wird, enthält daher nichts als die ein-fachen historischen Tatsachen.

Hier hat das deutsche Volk also eine Stimme der Wahrheit! Aus kompe-tentem Munde. Nicht aus Sensationslust hervorgegangen, sondern aus ernstemVerantwortlichkeitsgefühl für einen kleinen Kreis geschrieben. Aber wasgeschieht mit dem Verkünder der Wahrheit? Glaubt das deutsche Volk an ihn?Nein, es ruft: Steiniget, kreuziget ihn! Das deutsche Volk bleibt nach wie vorblind für die eigenen Fehler! Es sieht nach wie vor alle Schuld einzig undallein beim Gegner, und erkennt daher nicht, dass seine schlimmsten Gegnerim eigenen Hause sitzen. Ich glaube, dass, wenn jetzt ein Engel vom Himmelherunterkommen und für die Wahrheit zeugen würde, dieses durch Schlag-worte betörte Volk immer noch auf die Worte seiner Regierung schwören undden Engel zu steinigen suchen würde.

Das System, nach dem man mit dem Fürsten Lichnowsky verfährt, istim übrigen dasselbe, das in allen solchen Fällen zur Anwendung zu gelangenpflegt. Es besteht in der persönlichen Diskreditierung. Wenn man sachlichnichts Stichhaltiges zu erwidern hat, wendet man sich gegen die Person. Soist der Fürst Lichnowsky jetzt plötzlich ein Mann, der aus persönlicher Eitel-keit handelte und gekränkt ist, weil er seine eigene verfehlte? Politiknicht durchsetzen konnte. Gerade so wie der Dr. Muehlon jetzt ein krankerMann ist. Krank, geistesgestört, überspannt oder verbrecherisch veranlagt >erkauft sind heute alle, die den Mut zum Bekennen der Wahrheit haben. DerbraveDemokrat Payer derselbe, der unseren schweizerischen Lands-mann Theodor Curti, weil er ein wirklicher Demokrat war, in Frankfurt zu verdrängen gewusst hat hat es sich nicht nehmen lassen, sich zum Anwaltdieses Disqualifizierungsverfahrens zu machen. Und das, trotzdem der imJahre 1914 amtende deutsche Staatssekretär von Jagow Lichnowsky in denwesentlichen Punkten nicht hat widersprechen können, sondern vor aller Weltheute zugibt, dass England diesen Krieg nicht gewollt hat und dass die deutsche Politik sich als Schleppenträger der österreichischen Prestigepolitik ge-brauchen liess.

Wenn die deutsche Regierung doch wusste, dass England unschuldig war,weshalb hat sie dann während dieser 3 y 2 Jahre alle Schmähungen über England ergehen lassen? Und wie konnte Herr von Bethmann Hollweg angesichtsdieser Sachlage in diese Schmähungen auch seinerseits mit gutem Gewisseneinstimmen? Diese Fragen möchte man sich heute wohl vorlegen.

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