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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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Doch nicht genug mit der persönlichen Diskreditierung, gibt es inDeutsch-land heute auch Leute, die sofort nach einem Disziplinär- oder Strafverfahrengegen den Fürsten Lichnowsky gerufen haben, und anscheinend leider nicht ohneErfolg. Wer die Wahrheit sagt, soll also dafür bestraft werden, während mandem Verkünder der Legende von dem englischen Kriegsplan, dem HerrnHelfferich, in Deutschland gleichzeitig zujubelt. Wer es gut meint mit demdeutschen Volke, der kann nur wünschen, dass der Welt dieses beschämendeSchauspiel erspart bleiben möge. Es ist schlimm genug, wenn in der -Politik,selbst in der besten Absicht, Fehler gemacht werden. Es ist schon schlimmer,wenn man diese Fehler abzuleugnen und auf andere, Unschuldige, abzuwälzensucht; denn dadurch wird das moralische Konto zweifellos noch mehr belastet.Das Schlimmste von allem aber wäre, wenn man nun denjenigen, der, wie manja ganz genau weiss, die Wahrheit gesprochen hat, nun dafür auch nochbestrafen wollte. Es wäre das eine Belastung des moralischen Kontos, die kaumwieder gut zu machen wäre. Möge die vernünftige Einsicht bei den heute inDeutschland massgebenden Kreisen daher die Oberhand behalten und sie vordiesem letzten Schritte zurückhalten.

Der frühere amerikanische Staatssekretär Root hat einmal geschrieben:i,Die Nation, die die Zustimmung der Welt auf ihrer Seite hat, ist stark; jeneaber, die von der Welt verurteilt wird, schwach, mag sie auch noch so vielmaterielle Macht haben. Die Zustimmung der Welt wird immer derjenigehaben, der in einem Kriege moralisch als Sieger dasteht. Deshalb ist andem moralischen Siege auch unendlich mehr gelegen, als an dem militärischen.Der moralische Sieg aber ist untrennbar von dem Siege der Wahrheit. Nie-mals wird ein System, das die Wahrheit zu verbergen sucht, als moralischerSieger aus einem Kriege hervorgehen können. Niemals wird es aber auchgelingen, die Wahrheit auf die Länge zu verbergen. Es ist nichts so fein ge-sponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen.

Von der Erkenntnis der Wahrheit hängt im übrigen nicht nur der morali-sche Sieg in diesem Kriege ab, sondern auch die Möglichkeit eines Friedens,der Dauer verspricht. Das neue Europa , die neue, bessere Welt, die wir allenach diesem Kriege erhoffen, kann sich unmöglich auf einer Lüge aufbauen.Und deshalb haben auch wir Neutralen ein Interesse daran, dass die Wahr-heit siegt. Alle, die den baldigen dauerhaften Frieden wünschen, müssendaher auch den Sieg der Wahrheit wünschen.

Auch wir in der Schweiz , die wir so lebhaft an einem baldigen Friedens-schluss interessiert sind, haben daher allen Grund, zu wünschen, dass dieErkenntnis der Wahrheit sich bald allenthalben Bahn brechen möge. Wirmüssen auch unsererseits den Wunsch hegen, dass die Legenden, die man

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