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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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nicht zu verhungern, musste es zu Rüstungen und Ausgaben schreiten,die schwer auf dem Steuerzahler lasteten. Eine Bedrohung derbritischen Weltstellung ergab sich jedoch, wenn unsere Politik dieMöglichkeit kriegerischer Entwickelungen gewärtigen liess. DieseVoraussetzung war bei den Marokkokrisen und der bosnischen Fragein sichtbare Nähe getreten.

Mit unserer Flotte nach den bestehenden Festlegungenhatte man sich abgefunden, sie war den Briten gewiss nicht willkommenund bildete einen der Gründe, aber nicht den einzigen und vielleichtauch nicht den wichtigsten, für den Anschluss Englands an Frank-reich und Russland; aber wegen der Flotte allein hätte England ebensowenig zum Schwerte gegriffen, wie etwa wegen unseres Handels,der angeblich den Neid und schliesslich den Krieg gezeitigt hat.

Ich vertrat von Anfang an den Standpunkt, dass es trotz derFlotte unmöglich sei, zu freundschaftlicher Verständigung und An-näherung zu gelangen, wenn wir keine Novelle brächten und einezweifelsfreie Friedenspolitik trieben. Auch vermied ich es,von der Flotte zu sprechen, und zwischen Sir Ed. Grey und mir istdas Wort überhaupt nicht gefallen. Sir Ed. Grey erklärte gelegent-lich in einer Kabinettssitzung: The 'present German Ambassador hasnever mentioned the fleet to me (Der gegenwärtige deutsche Botschafterhat vor mir nie die Flotte erwähnt)

Während meiner Amtszeit regte bekanntlich Mr. Churchill, derdamalige Erste Lord der Admiralität, den sogenanntennaval holiday(Flottenfeiertag) an und schlug aus finanziellen Gründen und wohlauch, um der pazifistischen Richtung in seiner Partei entgegen-zukommen, eine einjährige Rüstungspause vor. Amtlich von SirEd. Grey wurde der Vorschlag nicht unterstützt, zu mir hat er niedavon gesprochen, Mr. Churchill redete mich aber wiederholt dar-auf an.

Ich bin überzeugt, dass seine Anregung aufrichtig gemeintwar, wie überhaupt Winkelzügigkeit nicht im Wesen des Eng-länders liegt. Es wäre für Mr. Churchill ein grosser Erfolg ge-wesen, dem Lande mit Ersparnissen aufzuwarten und den Rüstungs-alp, der auf dem Volke lastete, erleichtern zu können.

Ich entgegnete, es würde aus technischen Gründen schwersein, auf seinen Gedanken einzugehen. Was sollte aus den Arbei-tern werden, die für diese Zwecke geworben seien, was aus demtechnischen Personal? Unser Flottenprogramm sei einmal fest-

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