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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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Serbische Krise.

Ende Juni begab ich mich auf Allerhöchsten Befehl nach Kiel ,nachdem ich wenige Wochen vorher in Oxford Ehrendoktor gewordenwar, eine Würde, die vor mir kein deutscher Botschafter seit Herrnvon Bunsen bekleidet hatte. An Bord desMeteor erfuhren wirden Tod des Erzherzogthronfolgers. S. M. bedauerte, dass dadurchseine Bemühungen, den hohen Herrn für seine Ideen zu gewinnen,vergeblich waren. Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen.

Da ich über Wiener Ansichten und Vorgänge nicht unterrichtetwar, mass ich dem Ereignisse keine weitgehende Bedeutung bei. Ichkonnte später nur feststellen, dass bei österreichischen Aristokratenein Gefühl der Erleichterung andere Empfindungen über wog. AnBord desMeteor befand sich auch als Gast S. M. ein Österreicher,Graf Felix Thun. Er hatte die ganze Zeit wegen Seekrankheit, trotzherrlichen Wetters, in der Kabine gelegen. Nach Eintreffen derNachricht war er aber gesund. Der Schreck oder die Freude hatteihn geheilt!

In Berlin angekommen, sah ich den Reichskanzler und sagteihm, dass ich unsere auswärtige Lage für sehr befriedigend hielt, dawir mit England so gut ständen, wie schon lange nicht. Auch inFrankreich sei ein pazifistisches Ministerium am Ruder.

Herr von Bethmann Hollweg schien meinen Optimismus nichtzu teilen und beklagte sich über russische Rüstungen. Ich suchte ihnzu beruhigen und betonte namentlich, dass Russland gar kein Interessehabe, uns anzugreifen, und dass ein solcher Angriff auch niemals dieenglisch -französische Unterstützung finden würde, da beide Länderden Frieden wollten. Darauf ging ich zu Herrn Dr. Zimmermann,der Herrn von Jagow vertrat, und erfuhr von ihm, dass Russland imBegriff sei, 900,000 Mann neuer Truppen aufzustellen. Aus seinenWorten ging eine unverkennbare Misstimmung gegen Russland her-vor, das uns überall im Wege sei. Es handelte sich auch um handels-politische Schwierigkeiten. Dass General von Moltke zum Kriegdrängte, wurde mir natürlich nicht gesagt. Ich erfuhr aber, dass Herrvon Tschirschky einen Verweis erhalten, weil er berichtete, er habein Wien Serbien gegenüber zur Mässigung geraten.

Auf meiner Rückreise aus Schlesien auf dem Wege nach London hielt ich mich nur wenige Stunden in Berlin auf und hörte, dass34