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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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von einer englischen Vermittlung, da ich wusste, dass Sir Ed. GreysEinfluss in Petersburg im Sinne des Friedens zu verwerten war. Ichbenutzte daher meine freundschaftlichen Beziehungen zum Minister,um ihn vertraulich zu bitten, in Russland zur Mässigung zu raten,falls Österreich , wie es schien, von den Serben Genugtuung verlangte.

Zunächst war die Haltung der englischen Presse ruhig und denÖsterreichern freundlich, da man den Mord verurteilte. Allmählichaber wurden immer mehr Stimmen laut, welche betonten, dass, sosehr eine Ahndung des Verbrechens nötig sei, eine Ausbeutung des-selben zu politischen Zwecken nicht zu rechtfertigen wäre. Österreich wurde eindringlich zur Mässigung aufgefordert.

Als das Ultimatum erschien, waren alle Organe, mit Ausnahmedes stets notleidenden und von den Österreichern anscheinend be-zahltenStandard einig in der Verurteilung. Die ganze Welt, ausserin Berlin und Wien , begriff, dass es den Krieg, und zwar den Weltkriegbedeutete. Die britische Flotte, welche zufällig zu einer Flottenschauversammelt war, wurde nicht demobilisiert.

Ich drängte zunächst auf eine möglichst entgegenkommendeAntwort Serbiens , da die Haltung der russischen Regierung keinenZweifel mehr an dem Ernst der Lage liess.

Die serbische Antwort entsprach den britischen Bemühungen,denn tatsächlich hatte Herr Paschitsch alles angenommen, bis aufzwei Punkte, über die er sich bereit erklärte zu unterhandeln. WolltenRussland und England den Krieg, um uns zu überfallen, so genügteein Wink nach Belgrad , und die unerhörte Note blieb unbeantwortet.

Sir Ed. Grey ging die serbische Antwort mit mir durch und wiesauf die entgegenkommende Haltung der Regierung in Belgrad . Wirberieten dann seinen Vermittlungsvorschlag, der eine beiden Teilenannehmbare Auslegung dieser beiden Punkte vereinbaren sollte.Unter seinem Vorsitz wären Herr Cambon, Marquis Imperiali und ichzusammengetreten, und es wäre leicht gewesen, eine annehmbareForm für die strittigen Punkte zu finden, die im wesentlichen dieMitwirkung der k. u. k. Beamten bei den Untersuchungen in Belgrad betrafen. In einer oder zwei Sitzungen war alles bei gutem Willen zuerledigen, und schon die blosse Annahme des britischen Vorschlages !hätte eine Entspannung bewirkt und unsere Beziehungen zu England weiter verbessert. Ich befürwortete ihn daher dringend, da sonstder Weltkrieg bevorstehe, bei dem wir alles zu verlieren und nichts zugewinnen hätten. Umsonst! Es sei gegen die Würde Österreichs , auch36