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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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wollten wir uns in die serbische Sache nicht mischen, wir überliessensie unserem Bundesgenossen. Ich solle aufLokalisierung des Kon-fliktes hin wirken.

Es hätte natürlich nur eines Winkes von Berlin bedurft, um denGrafen Berchtold zu bestimmen, sich mit einem diplomatischenErfolg zu begnügen und sich bei der serbischen Antwort zu beruhigen.Dieser Wink ist aber nicht ergangen. Im Gegenteil, es wurde zumKriege gedrängt. Es wäre ein so schöner Erfolg gewesen.

Nach unserer Ablehnung bat Sir Edward uns, mit einem Vor-schlag hervorzutreten. Wir bestanden auf dem Kriege. Ich konntekeine andere Antwort erhalten, als dass es ein kolossalesEntgegen-kommen Österreichs sei, keine Gebietserwerbungen zu beabsichtigen.

Sir Edward wies mit Recht darauf hin, dass man auch ohneGebietserwerbung ein Land zum Vasallen erniedrigen kann, und dassRussland hierin eine Demütigung erblicken und es daher nicht duldenwerde.

Der Eindruck befestigte sich immer mehr, dass wir den Kriegunter allen Umständen wollten. Anders war unsere Haltung in einerFrage, die uns doch direkt gar nichts anging, nicht zu verstehen.Die inständigen Bitten und bestimmten Eiklärungen des HerrnSasonow, später die geradezu demütigen Telegramme des Zaren, diewiederholten Vorschläge Sir Edwards, die Warnungen des MarquisSan Giuliano und des Herrn Bollati, meine dringenden Ratschläge,alles nützte nichts, in Berlin blieb man dabei, Serbien muss massa-kriert werden!

Je mehr ich drängte, um so weniger wollte man einlenken, schonweil ich nicht den Erfolg haben sollte, mit Sir Edward Grey denFrieden zu retten !

Da entschloss sich letzterer am 29. zu der bekannten Warnung.Ich entgegenete, dass ich stets berichtet hätte, wir würden mit derenglischen Gegnerschaft rechnen müssen, falls es zum Kriege mitFrankreich käme. Wiederholt sagte mir der Minister:If warbreaks out, it will be the greatest catastrophe the world has ever seen(wenn ein Krieg ausbricht, gibt es die grösste Katastrophe, die dieWelt je erlebt hat).

Die Ereignisse überstürzten sich bald darauf. Als endlich GrafBerchtold, der bis dahin auf Berliner Weisungen den starken Mannspielte, sich zum Einlenken entschloss, beantworteten wir die russischeMobilmachung, nachdem Russland eine ganze Woche vergeblich

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