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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
Entstehung
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Unsere Abreise vollzog sich durchaus würdig und ruhig. Vorherhatte der König seinen Equerry (Stallmeister) Sir E. Ponsonby zumir gesandt, um sein Bedauern über meine Abreise auszusprechen,und dass er mich nicht selbst sehen konnte. Prinzess Louise schriebmir, die ganze Familie betrauere unseren Fortgang. Mr. Asquith undandere Freunde kamen zum Abschied in die Botschaft.

Ein Extrazug brachte uns nach Harwich. Dort war eine Ehren-kompagnie für mich aufgestellt. Ich wurde wie ein abreisender Souve-rän behandelt. So endete meine Londoner Mission. Sie scheiterte nichtan den Tücken der Briten, sondern an den Tücken unserer Politik.

Auf dem Bahnhof in London hatte sich Graf Mensdorff mitseinem Stabe eingefunden. Er war vergnügt und gab mir zu ver-stehen, dass er vielleicht dort bliebe, den Engländern aber sagte er,Österreich habe den Krieg nicht gewollt, sondern wir.

Rückblick.

Wenn ich jetzt nach zwei Jahren mir alles rückwärts schauendvergegenwärtige, so sage ich mir, dass ich zu spät erkannte, dasskein Platz für mich war in einem System, das seit Jahren nur vonTradition und Routine lebte und das nur Vertreter duldet, die soberichten, wie man es lesen will. Vorurteilslosigkeit und unabhängigesUrteil werden bekämpft, Unfähigkeit und Charakterlosigkeit gepriesenund geschätzt, Erfolge aber erregen Missgunst und Beunruhigung.

Ich hatte den Widerstand gegen die wahnsinnige Dreibund-politik aufgegeben, da ich einsah, dass es zwecklos war, und dass manmeine Warnungen als Austrophobie (Feindschaft gegen Öster-reich) , als fixe Idee hinstellte. In der Politik, die nicht Akrobatentumoder Aktensport ist, sondern das Geschäft der Firma, gibt es keinePhilie oder Phobie (Freundschaft oder Feindschaft), sondern nurdas Interesse des Gemeinwesens. Eine Politik aber, die sich bloss aufÖsterreicher, Madjaren und Türken stützt, muss in Gegensatz zuRussland geraten und schliesslich zur Katastrophe führen.

Trotz früherer Irrungen war im Juli 1914 noch alles zu machen.Die Verständigung mit England war erreicht. Wh mussten einenwenigstens das Durchschnittsmass politischer Befähigung erreichendenVertreter nach Petersburg senden und Russland die Gewissheit geben,dass wir weder die Meerengen beherrschen, noch die Serben erdrosselnwollten. ,,Ldchez lAutriche et nous lächerons les Franfais (lasst

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