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Meine Londoner Mission 1912-1914 / von Lichnowsky. Mit einem Vorw. von Otfried Nippold
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krieges zur völligen Gewissheit, erwiderte er, es sehe jedenfalls soaus. Vielleicht überlegten sich aber Russland und Frankreich dieSache doch noch anders. Den Serben gehöre entschieden eine blei-bende Lektion. Dies war die erste Mitteilung, die ich erhielt über dieBesprechungen des Kaisers mit den Bundesgenossen. Ich kannteDr. Helfferichs besonders vertrauensvolle Beziehungen zu den Per-sönlichkeiten, die eingeweiht sein mussten, und die Verlässlichkeitseiner Mitteilung. Deshalb unterrichtete ich nach meiner Rückkehr' von Berlin unverzüglich Herrn Krupp von Bohlen und Haibach,J dessen Direktorium in Essen ich damals als Mitglied angehörte.Dr. Helfferich hatte mir dies übrigens ausdrücklich erlaubt. (Es be-stand damals die Absicht , ihn in den Aufsichtsrat der Firma Krupp zu nehmen), v. Bohlen schien betroffen, dass Dr. Helfferich im Besitzesolcher Kenntnisse war, machte eine abfällige Bemerkung, dass dieLeute von der Regierung doch nie ganz den Mund halten könnten,und eröffnete mir alsdann folgendes: Er sei selbst beim Kaiser dieserTage gewesen. Der Kaiser habe auch ihm von der Besprechungmit den Österreichern und deren Ergebnis gesprochen, jedoch dieSache als so geheim bezeichnet, dass er nicht einmal gewagt habenwürde, seinem Direktorium davon Mitteilung zu machen. Da ich abereinmal Bescheid wisse, könne er mir sagen, die Angaben Helfferichsseien richtig. Dieser scheine freilich noch mehr Details zu wissen,als er, Bohlen, selbst. Die Lage sei in der Tat sehr ernst. Der Kaiserhabe ihm persönlich gesagt, er werde sofort den Krieg erklären, wennRussland mobil mache. Diesmal werde man sehen, dass ernicht umfalle. Die wiederholte kaiserliche Betonung, in diesemFalle werde ihm kein Mensch wieder Unschlüssigkeit vorwerfenkönnen, habe sogar fast komisch gewirkt.

Genau an dem mir von Helfferich bezeichneten Tage erschiendenn auch das Ultimatum Wiens an Serbien . Ich war zu dieser Zeitj wieder in Berlin und äusserte mich gegenüber Helfferich, dass ich! Ton und Inhalt des Ultimatums geradezu ungeheuerlich fände.Dr. Helfferich aber meinte, das klinge nur in der deutschen Über-setzung so. Er habe das Ultimatum in französischer Sprache zu sehenbekommen und da könne man es keineswegs als übertrieben emp-finden. Bei dieser Gelegenheit sagte mir Helfferich auch, dass der; Kaiser nur des Scheins wegen auf die Nordlandreise gegangen sei.

| ihr keineswegs die übliche Ausdehnung gegeben habe, sondern sich in. jederzeit erreichbarer Nähe und in ständiger Verbindung halte. Nun

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