Der Brief Dr. Muehlons
Neben der Lichnowskyschen Denkschrift ist im deutschenReichshaushalts-Ausschuss auch der aufsehenerregende Brief desHerrn Dr. Muehlon, der bis zum Kriegsausbruch Mitglied desDirektoriums der Kruppwerke war, zur Sprache gebracht worden.Der Brief lautet:
„Mitte Juli 1914 hatte ich, wie des öfteren, eine Besprechungmit Dr. Helfferich, dem damaligen Direktor der Deutschen Bankin Berlin und heutigen Stellvertreter des Reichskanzlers. Die DeutscheBank hatte eine ablehnende Haltung gegenüber einigen grossen Trans-aktionen eingenommen (Bulgarien und Türkei ), an denen die FirmaKrupp aus geschäftlichen Gründen (Lieferung von Kriegsmaterial)ein lebhaftes Interesse hatte. Als einender Gründe zur Rechtfertigungder Haltung der Deutschen Bank nannte mir Dr. Helfferich schliess-lich den folgenden: Die politische Lage ist sehr bedrohlich ge-worden. Die Deutsche Bank muss auf jeden Fall abwarten, ehe siesich im Ausland weiter engagiert. Die Österreicher (sic!) sinddieser Tage beim Kaiser gewesen. Wien wird in acht Tagen ein sehrscharfes, ganz kurz befristetes Ultimatum an Serbien stellen, indem Forderungen enthalten sind, wie Bestrafung einer Reihe vonOffizieren, Auflösung politischer Vereine, Strafuntersuchungen inSerbien durch Beamte der Doppelmonarchie, überhaupt eine Reihebestimmter, sofortiger Genugtuungen verlangt wird, andernfalls Öster-reich-Ungarn an Serbien den Krieg erklärt.
Dr. Helfferich fügte noch hinzu, dass sich der Kaiser mit Ent-schiedenheit für dieses Vorgehen Österreich- Ungarns ausge-sprochen habe. Er habe gesagt, dass er einen österreichisch-ungari-schen Konflikt mit Serbien als eine interne Angelegenheit zwischendiesen beiden Ländern betrachte, in die er keinem andern Staateine Einmischung erlauben werde. Wenn Russland mobil mache,dann mache auch er mobil. Bei ihm aber bedeute Mobilmachung densofortigen Krieg. Diesmal gäbe es kein Schwanken. Die Öster-reicher seien über diese entschlossene Haltung des Kaisers sehr be-friedigt gewesen.
Als ich Dr. Helfferich daraufhin sagte, diese unheimliche Mit-teilung mache meine ohnehin starken Befürchtungen eines Welt-50