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giebt, Dinge, von denen er glaubt, nicht genug zu verstehen,lege er besser auf andere Schultern. Ich fürchte aber, meineHerren, wenn er sich nicht für diese politische Seite unseres Ge-setzes lebhaft interessiert, wenn er sie nicht zu seiner eigenenSache macht, so wird er denen Argumente liefern, die ihn bis-her in einem anderen Punkte sehr stark bekämpft haben; erwird denen Argumente liefern, welche behaupten, dass dieOrganisation des Reichs schadhaft sei, wenn kein verantwort-licher Reichsminister für jedes Departement besteht. Er vertrittja die entgegengesetzte Ansicht, wie wir wissen, mit sehr geist-reichen Gründen, und jedes Mal, wenn man sie liest, kann mansich von ihnen angezogen fühlen. Kommt man aber einer sopraktischen Aufgabe gegenüber, wie der gegenwärtigen, sosteigen doch wieder Zweifel auf, ob nicht das Interesse präva-liere, welches verlangt, dass für jede Spezialaufgabe des Reichsauch ein verantwortlicher Minister da sei. Denn, meine Herren,wir verstehen ja die Verantwortlichkeit der Minister nicht indem Sinne, dass man sie köpft, wenn sie die Verfassung ver-letzen — (Heiterkeit), das ist nicht deutsche Art, und meinesWissens ist nur einmal im Deutschen Reiche, im HerzogtumWürttemberg vor 2 — 300 Jahren, ein Kanzler enthauptet wordenwegen Verfassungsverletzung. Wir verstehen unter der Verant-wortlichkeit das moralische Einstehen für das richtige Handeln,für die richtige staatliche Thätigkeit, das Verantworten vordem Geiste der Nation, vor ihrem Gedeihen. Und nun, meineHerren, genügt nicht die juristische Verantwortung. Es musszusammenfallen ein gewisser Grad von Verständnis mit demEinstehen für die legale Seite der Sache; es muss, da von einemMinister nicht verlangt werden kann, dass er alle Details seinesRessorts versteht, wenigstens eine Fühlung bestehen für dieWichtigkeit, welche gewisse spezielle Angelegenheiten des Reicheshaben, indem sie von rein sachlichen Interessen zu grossenpolitischen werden, und diese Fühlung, dass sie der Herr Reichs-kanzler sich im höchstmöglichen Masse für dieses Gesetz an-eigne , darum möchte ich ihn dringend im Interesse seinereigenen Schöpfung im Reiche gebeten haben. Wir haben ihnschon einmal hier bei Münz- und Verkehrsangelegenheiten dieserArt sprechen hören. Wir wissen ja, dass er sich für das Reichs-eisenbahnamt, das im Verhältnis zur politischen Bedeutung der