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Ausgewählte Reden und Aufsätze über Geld- und Bankwesen / von Ludwig Bamberger. Im Auftr. ... hrsg. von Karl Helfferich
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wäre, der zwar mit vollem. Recht für einen wohlmeinendenEhrenmann gilt, dessen Amtsantritt aber den Heissspornen derAgrarier als das Signal erschien, nunmehr einen grossartigenBeutezug durch das Gebiet der deutschen Gesetzgebung zuorganisieren, ein Plan, der bis jetzt als nur zu wohl berechnetsich herausgestellt hat. Der neue Reichskanzler ist, nach allem,was man aus seiner Vergangenheit auf seine Gegenwart schliessenkann, nicht der Mann, zu diesem Beutezug Halali zu blasen.Aber es ist nicht zu leugnen, dass die ihm zur Verfügungstehende Widerstandskraft nicht auszureichen scheint, um dessensiegreiches Vorgehen aufzuhalten. Wenn die Dinge so liegen,darf man immerhin vermuten, ein thatkräftigeres Auftreten desdeutschen Handelstages vor der neuesten Wendung hätte dahinwirken können, den der Vorsicht gewiss nicht abgeneigtenobersten Staatsmann des Reichs auf die Gefahren einer viel-deutigen Erklärung in dieser so empfindlichen Materie aufmerk-sam zu machen. Allem Anschein nach ist er mit einer ArtUnschuld an die Sache herangetreten, die ihm hätte benommenwerden können; denn man darf annehmen, dass er in Sachender Währung mehr Wert auf den Ausspruch des gesamtenHandels- und Gewerbestandes gelegt haben würde, als auf dieSachverständigkeit der zweiundvierzig Prozent ländlicher Be-völkerung, deren Ansicht über den Nutzen der Doppelwährungneuerdings bedeutenden Eindruck auf den Reichsschatzsekretärgemacht zu haben scheint, zweiundvierzig Prozent, Weiber undKinder mit eingerechnet, die gewiss ebenso urteilsfähig in derSache sind, wie ihre Gatten und Väter. Auch das vom Reichs-schatzsekretär vorgeführte Argument, dass ein nennenswerterBruchteil des Gewerbestandes wegen des Exportes nach den Silber-ländern zum Bimetallismus bekehrt sei, hätte nicht aufkommenkönnen, wenn vor Jahresfrist eine Manifestation des Handelstagesim Sinne der diesmaligen ergangen wäre.

Doch was geschehen ist, ist geschehen: und da es für denMoment den Anschein gewonnen hat, als hätte bittere Er-fahrung dem Handels- und Gewerbestand die Augen geöffnet,so muss man sich des neuen Erwachens freuen und damit dieHoffnung verbinden, dass nicht abermalige Erschlaffung folgenwerde.

Des deutschen Handelstages Ausschuss setzte am Vor-