1 EinleitungDie Firma semantics entwickelt Lösungen und Verfahren, um bei Großunternehmen diesprachliche Qualität der Kundenkorrespondenz zu fördern und zu sichern. Gemeinsam mitdem Unternehmen entwickeln wir eine individuelle Sprachrichtlinie, die zum einen dieneuesten sprach- und kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt und zumanderen den individuellen Stil des Unternehmens repräsentiert. Zudem führen wir Work-shops, Schulungen und weitere Maßnahmen zur Optimierung und nachhaltigen Sicherungder sprachlichen Qualität des Textbestandes durch. Bei großen Unternehmen setzen wirhierzu auch unsere technischen Plattformen ein.Um sicherzustellen, dass das Textoptimierungsverfahren die gewünschten Effekte erzielt,werden mithilfe dieser empirischen Studie am Beispiel eines Versicherungsschreibens ver-schiedene Parameter überprüft.Zugrunde liegen unserer Art der Textoptimierung verschiedene Konzepte unterschiedlicherFachdisziplinen.Aus kognitionswissenschaftlicher Sicht wird beim Lesen eines Textes ein mentales Modelldes beschriebenen Sachverhalts konstruiert. Im Idealfall handelt es sich um ein kohärentesModell, das an bereits bestehende Wissensstrukturen anknüpft. Aus dieser Perspektive sinddie Anordnung der Propositionen und die Kohärenz zentrale Kriterien für die Verständ-lichkeit eines Textes(van Dijk& Kintsch, 1983; Johnson-Laird, 1983; Radvansky, Zwaan, Fe-derico& Franklin, 1998; Zwaan& Radvansky, 1998). Um diesem theoretischen HintergrundRechnung zu tragen, ist es sinnvoll, den Aufbau des Textes in die Untersuchung einzube-ziehen.Im deutschen Sprachraum ist das Hamburger Verständlichkeitsmodell von Langer, Schulzv. Thun und Tausch(1974) sowie das Verständlichkeitskonzept Groebens(1982) verbreitet.Beide identifizierten – empirisch bzw. theoretisch – vier ähnliche Dimensionen der Ver-ständlichkeit: Einfachheit, Gliederung, Prägnanz und anregende Zusätze. Beide Konzeptewerden unter anderem für ihre unzureichende theoretische Fundierung kritisiert.Ein weiteres Konzept, das in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, ist das„Drei -Speicher-Modell“ des Gedächtnisses, das aus dem sensorischen Speicher, dem Kurzzeitge-dächtnis(oder Arbeitsgedächtnis) und dem Langzeitgedächtnis besteht. Zum einen hat dasArbeitsgedächtnis eine begrenzte Kapazität, um neue Informationen für den weiteren Ge-brauch bereit zu halten(Atkinson& Shiffrin, 1968; Baddeley, 1986). Ein Text ist deshalbleichter zu verstehen, wenn bereits bekannte Begriffe verwendet werden und Sätze nichtunnötig lang und verschachtelt konstruiert sind. Zum anderen wird sowohl das Verstehenals auch das Erinnern begünstigt, wenn neue Informationen mit bereits bestehendem Wis-sen verknüpft werden können. Die Suche nach dem passenden Gedächtnisinhalt kann ver-einfacht werden, indem entsprechende Schlagworte genannt werden, die das assoziativeNetzwerk aktivieren(Ericsson& Kintsch, 1995).Textlinguistische und dialoganalytische Ansätze stützen sich auf Merkmale des Textesselbst. Dennoch bleibt die Textrezeption auf Seiten des Lesers mit einbezogen, entweder aufGrundlage eines kognitionswissenschaftlichen Modells(s.o.) oder im Rahmen einer sprach-wissenschaftlichen Handlungstheorie(u.a. Austin, 1962; Heringer, 1979). Hier werden Texte
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Empirische Studie zur Wirksamkeit sprachlicher Optimierung von Versicherungsschreiben : Forschungsreihe Textverständlichkeit
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