Teil eines Werkes 
[Theil 1] (1748) Discours sur l'histoire universelle <dt.>
Entstehung
Seite
349
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in die allgemeine Geschichte. 549

Stadt kostete nicht so viel Blut, als die Zwietracht inden Mauern. Wenn sie die Stürme der Römer abge-schlagen hatten, so fingen die Bürger den Augen-blick darauf ihren innerlichen Krieg wieder an. Ge-waltthätigkeiten und Näubereyen herrschten überall inder Stadt. Sie rieb sich selbst auf; sie war nichtsweiter, als ein wüstes Feld voll todter Leichen, und dieHaupter der innerlichen Rotten stritten unter einanderum die Herrschaft. War das nicht ein lebendigesBild der Hölle, wo sich die Verdammten einander ebenso sehr hassen, als die Teufel, die ihre gemeinschaftli-chen Feinde sind, und wo alles voll Hochmuth, vollVerwirrung, und voll Raserey ist.

Dasjenige also, Monseigneur, was Gott durchden Arm Nebucadnezars an den Juden that, war nurein Schatten von demjenigen, was TituS vollführenmüssen. In welcher Stadt hat man iemals in sie--l»en Monaten und in einer einzigen Belagerung eilf-hundcrt tausend Menschen umkommen sehen? Sograusam war unter den Chatdäcrn ihr Schicksal nichtgewesen. Damals dauerte ihre Gefangenschaft nursiebzig Jahre; es sind nunmehr aber schon mehr dennsechzehnhundert Jahre verflossen, daß sie Sklaven inder Welt sind, und ihre Sklaverey ist noch nicht ver-ringert worden.

Man darf also nicht darüber erstaunen, daß TituS,nachdem er Jerusalem eingenommen und triumphirthatte, weder die Glückwünschungen der benachbartenVölker, noch die Kronen annehmen wollte, welche sieihm, seinem Siege zu Ehren, sendeten. So vielemerkwürdige Umstände, der Zorn Gottes, welchersich so deutlich offenbarte, und seine Hand, die Titus sah,erhielten ihn in einem tiefen Erstaunen, und deswe-gen