406 Bischof Bossuets Einleitung
Lasterungen mit der Grausamkeit. Menschen, welcheTugenden ausübten/ die weit über die menschlichenKräfte waren, wurden solcher Verbrechen angeklagt,welche der menschlichen Natur einen Abscheu machen.Man beschuldigte diejenigen, welche in der Keusch-heit ihr größtes Vergnügen fanden, der Blutschande.Man klagte diejenigen/ welche ihren Verfolgern Wohl-thaten erwiesen, als jeute an, die ihre Kinder äßen.Allein so groß auch der öffentliche Haß war, so drangdoch die Gewalt der Wahrheit selbst ihren Feindengünstige Zeugnisse für sie ab. Jedermann weis, wasPlinius, der Jüngere*, an den Trajan von den gutenSitten der Christen schrieb, Sie wurden also wohlgerechtfertigt, aber nicht von der Todesstrafe befreyt;denn es fehlte nur dieser Zug noch dazu, das Bild desgekreuzigten Heilandes in ihnen vollkommen zu machen,daß sie nämlich, wie er, mit einem öffentlichen Zeugnisseihrer Unschuld zum Kreuze giengen.
Die Abgötterey schützte sich nicht allein mit ihrerGewalt und Grausamkeit. Ob sie gleich im Grundenichts als eine viehische Unwissenheit und eine völligeVerderbniß des menschlichen Verstandes war, so woll-te sie sich doch mit einem Scheine der Vernunft schmü-cken. Wie oft hat sie nicht versucht / sich zu verste-cken, und in wie viele Gestalten hat sie sich nicht ver,kleidet, um ihre Schande zu verbergen! Sie stelltesich zuweilen sehr ehrerbietig gegen die Gottheit. Al-les, was göttlich ist, sagte sie, ist unbekannt; nur dieGottheit allein kennt sich selbst; es schickt sich nichtfüruns, übersoerhabne Dinge zu vernünfteln; manmußdeswegen den Alten glauben, und ein jeder muß die
Reli-
* klm. Kbr. IX. ex. 97.