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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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gesehn haben, wenn man Christi eigene Lehre nicht vonder Lehre der Apostel und Kirchenvater absondern, undallein beybehalten wollte, so liesse sich das apostolischeund nachmals immer weiter ausgeartete Christenthummit keinen Künstclcyen und Wendungen mehr retten.Die reine Lehre Christi, welche aus seinem eigenenMunde geflossen ist, so fern dieselbe nicht besonders indas Zudenthum einschlagt, sondern allgemein werdenkann, enthält nichts als eine vernünftige praktische Re-ligion. Folglich würde ein jeder vernünftiger Mensch,wenn es einer Benennung der Religion brauchte, sichvon Herzen christlich nennen. Und vielleicht haben die-jenigen bey den Corinthern , welche weder paulisch, nochapollisch, noch kefisch, sondern christlich hcissen wollten,solche Reinigkeit der Lehre Christi, ohne alle Ausatzedieser und jener Apostel, dadurch bekannt. Eben dieseLehre würde anch noch christisch geblieben seyn, wennman sie nach eben denselben Grundsätzen weiter ansge-fichrt und zu einer vollständigen Unterweisung der Got-tesfurcht, Pflicht und Tugend, gemacht hätte. Sobaldaber die Apostel ansingen, ihr jüdisches System vondem Messias und von der Göttlichkeit der SchriftenMosis und der Propheten, mit hinein zu mischen, undauf diesen Grund ein gehcimnißvolles neues Systemzu bauen: so konnte diese Religion nicht mehr allgemeinwerden. Der Glaube, worauf sie sich stützte, erfvdcrtezuviel Beweis, als daß ihn ein jeder, aller Orten, undzu allen Zeiten, mit genügsamer Einsicht und Ucberfüh-rung hätte annehmen, oder auch von Einwürfen undAnstössen bcfreycn können. Sollte es aber ein blinder

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