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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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ivollen wir sehen, der unser Christenthum des geringstenWiderspruchs milder gesunden Vernunft überführen kann!Was braucht es noch, die Schriften der Freygeister zu un-terdrücken? Heraus damit! Sie können nichts als denTriumph unserer Religion vermehren» Daß diesesdie Sprache mancher heutigen Theologen ist, wer weißdas nicht? Und allerdings hat diese Sprache das Gutehervorgebracht, daß neurer Zeit, wenigstens in dem pro-testantischen Deutschlande, alle bürgerliche Verfolgung ge-gen Schriften und Schriftsteller unterblieben ist. Einemerkwürdige Erscheinung, von welcher ich wohl wissenmöchte, aus welchem Gesichtspunkte sie unser Unbekanntebetrachtet haben dürfte! Er scheinet dergleichen Theologenin Verdacht zu haben, daß sie von dem ganzen Christcn-thume nichts übrig lassen, und nichts übrig lassen wollen,als den Namen. Daß dieses bey einigen auch wohl derFall seyn möchte, daran ist kein Zweifel. Aber bey vie-len ist er es auch gewiß nicht; bey denen gewiß nicht, diesich gegen die Vertheidiger einer blos natürlichen Religionmit so vielem Stolze, mit so vieler Bitterkeit ausdrücken,daß sie mit jedem Worte verrathen, was man sich von ih-nen zu versehen hatte, wenn die Macht in ihren HandenWare, gegen welche sie itzt noch selbst protestiren müssen.Dieser ihr vernünftiges Christenthum ist allerdingsnoch weit mehr, als natürliche Religion: Schade nur, daßman so eigentlich nicht weiß, weder wo ihm die Vernunft,noch wo ihm das Christenthum sitzt.

XIX.