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Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
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druck, nicht WolMang und Harmonie; sondern Nach,druck und Gedankenfülle in moralischen Winken, Sprüchen,lehren und Bemerkungen. Daher war ihm der Renner,der ohnstreitig als Gnomolog weit mehr Verdienst, dennals Fabulist hatte, so vorzüglich lieb, daß er sich dieMühe nicht verdrießen ließ, ihn mit eigner Hand cwm-schreiben, und die bessern Lesarten, die er in diese Ab-schrift brachte, aus mchrern Handschristen zusammen zusuchen.

Der Zeitpunkt, in welchem unsre Poesie von diesermoralischen Kraft am meisten genährt und belebt wurde,scheint mir der Ablauf des dreyzehnten bis zur Hälftedes fünfzehnten Jahrhunderts gewesen zu seyn. Nicht,als ob sich in den früheren Gedichten der Minnesingernicht auch trefliche Spuren sittlichen Gefühls und gnomo-logischen Scharfsinns fanden; oder als ob die spätern undschwächern Reime der Meistersängcr ganz von treffenden,sprüchwörtlichen Versen dieser Art entblößt wären; aberin jene sind sie sparsamer und nur beyläufig eingestreut;in diesen gar zu sehr mit verbrauchter, langweiliger, wass-richter Moral untermischt, worauf der Meistersänger,vollends wenn sie recht schriftmäßig klang, das vornehmsteVerdienst seiner Gedichte zu gründen pflegte.

Gerade in die Zeit des Ueberganges von der erstendieser beyden Perioden zur zweyten scheinen die meistenvon den Versen, die ich hier mittheile, zu gehören. Siein diesen Beyträgen mitzutheilen, veranlasst mich nichtbloß ihr innerer Werth; nicht bloß ihre Aufbewahrungin der wolfenbüttelischen Bibliothek; nicht bloß Les-fings sehr vortheilhaftes Urtheil von ihnen, das

er,