Autograph 
MS 311 - Brentano I : [Allgemeine Volkswirtschaftslehre] ; [Vorlesungsskript WS 1910/11]
Seite
48r
Einzelbild herunterladen
 

48.

Die Anwendung dea Stücklohns ist auch wirtschaftlich beschränkt*Der gesteigerte Arbeitseifer lässt die Qualität der Arbeit leiden*wo es also auf Qualität ankommt, da ist Stücklohn ,wenn auch tech-nisch möglich, so doch ökonomisch nioht ratsam.

ad 2) Die Missstände! Die Arbeiter nennen häufig das Akkord-system Mordsystem, da ein Hauptmissstand ln der Gefährdung der Ge-sundheit des Arbeiters besteht; es führt nämlich leicht zu Ueberar-beitüng; um möglichst viel zu verdienen, wird hastig gearbeitet, manstrengt sich aufs Aeusserste an und die Arbeitszeit wird leicht im-'mer mehr ausgedehnt,die Folge ist ein frühzeitiger Kräfteverfall. Demkann nur entgegengewirkt werden durch rigorose Beschränkung der Ar-beitszeit. Ein weiterer Nachteil* In gewissen Betrieben,wo Schutz-vorrichtungen an den Madchinen^angebracht sind, werden diese Schutz-vorrichtungen von den Arbeitem^entfernt, da sie durch sie in dergrösstmöglichsten Arbeitsleistung beschränkt werden; die Wirkungist eine sehr grosse Anzahl von Unfällen.

Diese Nachteile werden von den Arbeitern immer ln den Vorder-grund gestellt, um einen anderen zu verhüten* nämlich die Benützungdes Akkordsystems zum Herabdrücken der Löhne. Der Arbeitgeber wähltsich den flinksten Arbeiter aus, zählt, wie viel Stücke er in einemTag fertig bringt und teilt den bisher gezahlten Zeitlohn durch dieAnzahl der StGcke, die der gute Arbeiter gefertigt hat und setzt soden Stückpreis fest. Um den Arbeitseifer zu steigern, stellt man demguten Arbeiter ln Auasciht, dass er auf Stücklohn beschäftigt; nunleise^et leistet er eine noch grössere Anzahl von Stücken; mit dieserZahl wird der Zeitlohn wieder geteilt und dieses ist die Basis,aufder eich der künftige Stücklohn aufbaut; die Folge ist, dass auch dergute Arbeiter mehr als früher leisten muss, um denselben Lohn zu er-reichen und der Durchschnittsarbeiter denselben nicht mehr erreicht.