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MS 311 - Brentano I : [Allgemeine Volkswirtschaftslehre] ; [Vorlesungsskript WS 1910/11]
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Aber auch schlechte Sitteb schwinden,wie die vielen Feiertage.

Das Schwinden guter Sitten ist aber nur vorübergehend,wennea auch unter dem Druck der Not der Pall war, so zeigt uns die Erfah-rung,dass ein Volk sich etwas,was es wBhrend tausendjähriger Ent-wicklung als gut und recht erkannt hat, nicht plötzlich rauben lässt.Die alten Sitten gelangen wieder zur Geltung, aber nur dann, wenn siesich in ihren Formen den neuen Verhältnissen anschliessen.

Es entwickeln sich aber auch neue sittliche Postulate. Auchdies gilt auf dem Gebiete der Bedürfnisse und dem der ihrer Befriedi-gung dienenden Tätigkeit.- In den modernen Massigkeitsbestrebungenzeigt sich ein altes sittliches Postulat.

Wir begegnen dem Fortdauern sittlicher Postulate auf dem Ge-biets der auf die Bedürfnisbefriedigung gerichteten Tätigkeit z.B.bei Betrachtung des Fabriksystems: dieses übt da, wo es ungeregeltstattfindet, äuaserst nachteilige Folgen. Die Produktivität der Ma-schinen hängt von ihrem Preis ( mit Unterhaltungskosten) und dem Wertihres Produkts. Je länger und mehr die Maschine läuft,desto günstiger.Das führt zur Verlängerung der Arbeitsteit und dies zum Ruin der Ar-beiterbevölkerung. Das alte Postulat macht sich nun hier geltend,aberder modernen Technik angepasst: ea heisst nicht mehr " zerschlagtdie Maschinen, verbietet das Fabriksystem", sondern entsprechend derfortschreitenden Technik entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit.

Wo die sittlichen Postulate sich nicht auf dem Wege der Frei-heit Geltung verschaffen könnep, da rufen sie nach Verwirklichungdurch staatliche Vorschri^**"

VII

Der Staat.

§ 19

1) Das Verhältnis von Staat und Volkswirtschaft in der

Theorie.