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Eine eigenthümliche Nothtanfe.
Ein zuverlässiger Mann berichtete unö vor kurzein folgende Begebenheit:Im Herbst des verflossenen Jahres hielt Pfarrer zu Metz in der dortigenPfarrschule die Katechiömusstunde. Eben war von der Nothwendigkeit der heiligenTaufe zur Seligkeit die Rede, als die Kinder mit einer eigenthümlichen Besorgnißnach der kleinen Esther, ihrer jüdischen Mitschülerin, hinsahen, die in einer Ecke derSchule über ihrer Lection sitzen geblieben, der aber auch kein Wort von dem christ-lichen Unterrichte entgangen war. Kaum war der Unterricht zu Ende, als die christ-lichen Freundinnen der kleinen Esther mit großer Bekiunmerniß sich nahen, da ihreGespielin ja augenscheinlich in großer Seclengefahr sich befand. Auch Esther warsichtlich verstört und bedürfte es von Seiten der Kinder nichl vieler Ueberredung, siezur Taufe zu bewegen. ES wurde uun Rath gehalten, was anfangen. Man gingmit Estherchen zum Pfarrer, damit dieser doch ihrem Wunsche, getauft zu werden,willfahren möchte. Der Pfarrer belehrte die Kinder, daß dazu die Einwilligung derEltern des JudenmädchenS durchaus erforderlich sey, sonst dürfe er die Taufe nichtvornehmen. Mit der Ermahnung, für Estherchen zu beten, entließ er gerührt dieguten Kinder. Was nun anfangen? Die besten Freundinnen Estherchens gehen mitihr zu den Eltern, die natürlich den Kindern ihre Bitte rund abschlagen. Die Kin-der, Estherchen nicht ausgenommen, sind untröstlich, da ja ohne Taufe es unmöglichist, selig zu werden. „Aber," sagt eines von den Mädchen, „hat der Herr Pfarrernicht gesagt, daß im Nothfälle ein Jeder, selbst wenn er ein Heide wäre, taufenkönne? Und hier ist gewiß ein Nothfall, denn Estherchenö Seele ist in Gefahr, derPfarrer darf nicht taufen, die Eltern wollen die Taufe uicht zugeben. Estherchen,bist du damit zufrieden, wenn wir dich taufen?" Estherchen ist überfroh, daß siedoch min noch getauft und selig werden könne; sie ist mit Allem zufrieden. Nunhalten die Mädchen Rath, wie sie Alles einrichten wollen. Die dem weiblichen Ge-schlechte angeborene Schlauheit in allen eigenen Angelegenheiten kommt ihnen znStatten. Zuerst beginnt der Unterricht. In den Spielstunden, wenn Niemand ihnennachspürt, gehen sie mit Estherchen hinter die Kirche vor das Kreuz knien, beten dielauretanische Litauei, rufen den heiligen Geist an, setzen sich dann im Kreise um dieliebe Freundin und unterrichten sie im christlichen Glauben. Ihr Eifer uud ihreSorgfalt lassen nichts zu wünschen übrig. Und vorsichtig uud verschwiegen sind siealle, Estherchenö Seelenheil steht ja auf dem Spiele. So treiben sie's geraume Zeit,bis sie glauben, nun sey'S genug, nun könne Estherchen getauft werden. Die Pfarr-kirche steht dort zumeist den ganzen Tag offen, Mittags ist sie in der Regel völligmenschenleer; auch daö Taufbecken ist nicht verschlossen. Das AlleS haben die Mäd-chen wohl erwogen und abgeschaut. Nun wirv ein Tauftag augesetzt und Vorberei-tung gemacht wie zu nuem Feste. Wie zum Spiel versammeln sich die Bethciligtenzu festgesetzter Stunde vor der Kirche, schlüpfen hinein — richtig, kein Mensch störtsie in ihrer Andacht. Da fällt es, gerade als man im Begriffe steht, die heiligeHandlung vorzunehmen, einem der Mädchen ein, daß der Pfarrer gesagt: auch imFalle der Nothtaufe solle die Taufe nicht durch eine Frau geschehen, wenn ein Mannzu haben wäre. Nnn aber spielten gerade mehrere Kuaben vor der Kirche. DasMädchen machte ihre Gespielinnen auf diesen Umstand aufmerksam. Neue Verlegenheit.Doch rasch entschlossen, eilt eines der Mädchen zur Kirchthüre und ruft dem Theodor,dem Nachbarssohne, der ja anch in den christlichen Unterricht geht. Der weist dieRuferin zuerst barsch ab, da sie ihn im Spiele stört, doch endlich kommt er doch, uudwird nun in der Eile in das Geheimniß eingeweiht. „Da eine Frau nicht tanfensoll, wenn ein Mann zu haben ist, Dn aber ein Mann bist, so komme und taufeEstherchen! Wir haben Alles fertig." So lautete die Schlußrede. Theodor bedenktsich nicht lange und tritt in die Kirche. Die andern Mädchen sitzen mit Estherchenam Muttergotteöaltare uud beten die Vorbcreituugsgebete zur h. Taufe, die lauretanischeLitanei und rufen dann den heiligen Geist an. Dann wird eine Wache an die Thüre