Ausgabe 
11 (31.8.1851) 35
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Röcken, weißen Piau6hauben und gestickten Umschlagtüchern ernst einherschreitend, dieStudenten mit den dreifarbigen Cereviökappen auf dem rechten Ohr; modisch geklei-dete Damen mit Strohhut und Schleier unv in den Händchen das goldverzierteGebetbuch; sauber geputzte Mädchen aus dem Ried, die Kette von Granaten um denHals, je mehr desto besser, daran ein goldenes Kreuz hängt, Alle bewegten sichnach der Kirche, wo eben aus ver weit geöffneten Hauptthüre die Töne der Orgelden letzten Segen verkündeten, nach welchem die Predigt beginnen sollte. Nur eineClasse Menschen suchte ich vergebens, nämlich die gebildeten und gelehrtenHerren mit schwarzem Fracke unv sauber gekämmtem Backenbarte, mit Brillen aufder Nase und dem zierlichen Röhrchen zwischen den Glacehandschuhen: solche Leutesah ich nicht, und auch auf irgend einer versteckten Emporbühne in der Kirche konnteich solche nichr entdecken. Es scheint sonach wahr zu seyn, daß dieselben über dieMissionspredigten schreien und schreiben, ohne sie nur gehört zu haben.

Die Kirche, in welcher die Mission abgehalten wird, ist die sogenannte Jesui-tenkirche, wie mir scheint etwas größer, als die St. PeterSkirche zu Mainz , mitwelcher sie auch, abgesehen von den Gemälden an Wand und Decke, viele Aehnlichkeit,wenigstens in Bezug auf die innere Anlage hat. Ich wählte meinen Standpunctmitten im Hauptschiffe so nahe bei der Kanzel als ich noch hinkommen konnte, so-wohl um die Predigt gut zu hören als auch um den Eindruck wahrzunehmen, densie bei dem Volke hervorbringen würde. Pater Haß lach er bestieg die Kanzel undhatte das Thema gewählt, im Hinblicke auf den heutigen Festtag-Du sollst denSabbath heiligen." Verlangen Sie von mir keine nähern Details über diese Rede,nur in kurzen Worten kann ich Ihnen das Gerippe geben. Der Redner behandeltesein Thema nach Thomas von Aquino in Bezug auf den Zweck, den ohnehin dasvernünftige Wesen bei allen seinen Handlungen haben muß und in Bezug auf dieMittel, die uns zur Erreichung dieses Zweckes geboten sind. Was ist HeilighaltungdeS Sabbaths oder nach dem neuen Bunde der Sonn- und Feiertage? Die Anbetungund Verherrlichung Gottes, der uns erschaffen; Lobpreisung des Sohnes, der unserlöst; Verehrung seiner heiligen Mutter, die für uns bittet, und aller Heiligen,deren Beispiel wir befolgen sollen. Die Mittel dazu sind Anwobnung bei dem heili-gen Opfer und Anhören der Erklärung des Wortes in der Epistel und dem Evan-gelium, somit der Predigt; und Enthaltung von aller knechtlichen Arbeit. Zum Schlüsseein ungemein lebhaftes Gemälde von dem Sabbathschänder, der am Sonntag höch-stens eine heilige Messe hört, und das nicht immer, und glaubt, er brauche keinePredigt zu hören, weil er Alles wisse und man ihm nichts Neues mehr sagen könne;vom sabbathschänder, der nur darnach strebt, an Sonn- und Feierragen möglichstviel Geld zu verdienen, weil es an manchen Orten leider dahin gekommen ist, daßdie Sonn- und Feiertage am meisten zu Kauf und Verkauf benützt werden; von demSabbathschänder, der am Sonntag statt seinem Gott und Herrn zu dienen, sich dengröbsten Ausschweifungen hingibt. Endlich eine dringende Ermahnung, keinem vondiesen ähnlich zu werden, sondern den Tag deS Herrn mit Besuch des Gottesdienstesund jenen Erbauungen zuzubringen, die uns an das Heilige, Himmlische erinnern,ohne gerade sich solche Erholungen zu versagen, welche die Seele stärken und erfri-schen, und die auch die Kirche nirgends und zu keiner Zeit untersagt hat.

Sie werden an dieser Predigt nichts Neues finden, nichts was man nicht auchin andern Kanzelvorträgen schon gehört hätte; allein DaS ist es auch nicht, was diePredigten der Jesuiten so wirksam macht; sondern ihre unwiderstehliche Logik, ihreungemeine Bestimmtheit in der Ausdrucksweise, Daö ist eS, was eindringt und wasden Verstand und die Vernunft besiegt, welche sich heut zu Tage in der Brust dermeisten Menschen keck und eingebildet dem Glauben entgegenstellen. Dazu kommtnoch das gemessene Auftreten, die sichere Haltung sowohl im Organe als in denGesten, nirgends Ueberschwenglichkeit, sondern überall das Resultat ihres Grundsatzes:wir sind um so bessere Priester, um so brauchbarere Prediger, je demüthiger wirsind und je wMger wir glauben vor Gott gethan zu haben. Der Eindruck der Rede