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bei den Zuhörern war nicht zu verkennen. Ich stellte mich nach dem Schlüsse mittenauf den Kirchenplatz und ließ die Leute, 2500 bis 3W0 an der Zahl, an mir vor-übergehen. Ueberall ernst und gemessen traten sie heraus aus dem Tempel Gottesund es werden nur Wenige darunter seyn, die in Zukunft seinen Namen durch dieEntHeiligung seines Tages leichtsinnig schänden werden. Nachdem daS Gedrängeaufgehört, ging ich wieder in die Kirche, um die heilige Messe zu hören, da ich dasAmt am Morgen versäumt hatte. Trotzdem, daß so Viele herausgegangen, war dieKirche doch noch ziemlich gefüllt, und namentlich waren die Beichtstühle stark besetzt.Um nun die am Morgen erhaltenen Eindrücke recht in mich aufzunehmen, um sienicht zu schwächen durch triviales WirthShauSgeschwätz, beschloß ich, den Mittag aufdem Schlosse zuzubringen. Ich ging hinaus in die Neckarvorstadt und dort auf einemWenig bekannten steilen Fußpfade hinauf auf die Terrasse, dort hinter dem Stammeeiner schattigen Buche schaute ich hinaus in das herrliche Thal, unbeirrt von einigenlangweiligen Engländern, die den Besuch des Schlosses gewissenhaft mit Tag undDatum in ihr Handbuch notirten, noch gestört durch die Erinnerung, welche diegewaltigen Ruinen in uns hervorrufen, indem sie die traurigsten Momente der Ge-schichte unseres Volkes uns vorführen. Ich schwelgte sorglos in der großartigenNatur, bis einige heftige Donnerschläge mich mahnten ein Obdach zu suchen, daSich auch in der Restauration auf dem Schlosse fand. Kaum dort angelangt, entludensich zwei Gewitter mit einer solchen Heftigkeit, die für mich auf dem platten LandeLebenden wirklich etwas Schreckbares hatte, weil daS Rollen des Donners in denBergen viel stärker ist als in flachen Gegenden. Da wurde ich recht lebhaft erin-nert an unsere Armseligkeit ohne Gott, in dessen Händen wir unS überall befindenund tief in meiner Seele fühlte ich die Bedeutung der Worte, die Haßlacher amMorgen in seiner Predigt gesprochen hatte: „Hat Gott unS erschaffen, weil er unsererbedarf, oder bedürfen wir seiner?"
Die Wetter zogen unschädlich vorüber, die Wolken klärten sich auf und dieRuinen glänzten wieder im Scheine der Sonne; in Millionen Tropfen sah dieseKönigin deS Tages wiederum ihr Bild an den Blättern der Buchen und Eichen;auch der vorwitzige Distelfink kam wieder aus seinem Verstecke und sammelte emsigdie Brodkrümmchen, welche von den Tischen herabgekehrt worden. Ich hätte nochlange sitzen mögen und die Natur belauschen, allein eS nahte die Stunde der zweitenPredigt und so machte ich mich eilig auf und ging wieder hinunter in die Stadt.Vor der Kirche angekommen, war eS dort noch sehr still und ich glaubte fast in derZeit irre zu seyn; nur eine Nebenthüre war geöffnet, durch welche ich eintrat. AlleBänke waren bereits angefüllt und eS wurde vorerst ein kurzer Gottesdienst zur Ehreder heiligen Mutter Gottes abgehalten. Während dessen strömten aber die Zuhörerin solcher Menge herbei, daß das Gotteshaus noch voller war als am Morgen; ichstand wieder in Mitte der Kirche und sah die Leute entblößten Hauptes noch unterdem Hauptportale stehen. Dießmal hielt die Predigt der Fürst von Zeil, wie manmir sagte; er sprach über den Satz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."Ich habe Ihnen schon oben gesagt, daß eS mir schwer hält gehörte Predigten, wennauch im Gerippe wiederzugeben; dießmal kann ich es aber gar nicht, so gewaltigwurde ich angeregt durch die gekörten Worte: Die Beweisführung drehte sich nament-lich darum, wie es möglich seyn kann, daß der Mensch seinen Nebenmenschen hasse,den doch Gott so lieb hat, daß er ihn erschaffen, daß er ihn erlöst, daß er seinBlut für ihn hingegeben hat; daran knüpften sich Betrachtungen über das Unnatür-liche solchen Hasses, anschaulich gemacht durch Erscheinungen in der Natur; überdas Unsinnige solcher Feindschaft, belegt mit Beispielen und Sentenzen selbst aus demHeidenthume; über das Sündhafte solchen Hasses vor Gott . Den Schluß bildet eineeindringliche Ermahnung an die Anwesenden sich gegenseitig zu verzeihen; solche Worteohne allen oratorischen Prnnk hatte ich noch nicht gehört; so kann man nur aushöhern Regionen zu uns sprechen. Und als nun gar der Pater in wirklich überirdi-scher Demuth uns mit seinem Beispiele voranging und öffentlich von der Kanzel herab