Ausgabe 
11 (31.8.1851) 35
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277
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Fortschritt hemmen. Was mit Blut geschriebene Gesetze zu einer Zeit, wo frommeDuldung die einzige Hoffnung war, nicht vermochten, das werden auf den Geld-beutel speculirende Gesetze bei einem Gegner nicht zu Stande bringen, der auf Siegdie beste Hoffnung setzen darf. Wo lebendiger katholischer Glaube wie in Irland und England vorhanden ist und so feste Anker am Felsen Petri geworfen hat, hatder ganze englische Staat, wenn er mit seiner ganzen Wucht auf das Ankertau sichwerfen würde, nicht die Macht, dasselbe zu zerreißen. Der Plan, die katholischeKirche Englands von ihrem Mittelpuncte in Rom loszureißen, war immer da, ist niegelungen, wird nie gelingen.

Denn eine höhere Macht hat sichtbar das Geschick der Kirche in England undin andern Ländern in die Hand genommen; wir wissen, daß eS immer in derselbenruhte; unser Vertrauen wächst aber, wenn wir es mit unsern blöden Augen in der-selben ruhend erblicken. Die Macht des vom revolutionären Zeitgeiste unterwühltenStaates reicht übrigens allenthalben nicht mehr auS, die Kirche in dem erhobenenWerke der Rettung der gegenwärtigen Gesellschaft zu hemmen; eS begreifen auch allebessern, einsichtsvollern Regenten, daß man der Kirche zur Lösung der großen Auf-gabe eine freie Laufbahn öffnen muß; es fühlt es der bessere Theil unserer nicht-katholischen Mitchristen, daß den geistigen, durchaus edlen Heilmitteln, welche dieKirche gegenüber der Barbarei des modernen Unglaubens und der von diesem erzeug-ten Revolution anwendet, nur darum, weil sie von der katholischen Kirche gebrauchtwerden und nur von ihr allein mit Erfolg gebraucht werden können, die Macht desprotestantischen Staates nicht hemmend in den Weg treten dürfe. Wir gestehendarum aufrichtig, daß wir diesen Gegner am wenigsten fürchten, und vielmehr hof-fen, die Bessern aus seinen Reihen mehr und mehr zum allgemeinen RettungswerkeunS die Hand bieten zu sehen. Ein anderer Gegner ist mehr zu fürchten, die herrsch-gewohnte, hochmüthige, glaubenslose Bureaukratie. (D. V.-H.)

Berirrungen.

Weit ab vom rechten Pfade ist die Menschheit geirrt in Kunst und Wissenschaft,im politischen wie im gesellschaftlichen Leben; überall hat sich der Zwiespalt ihrerbemächtigt, seit sie die Macht der Versöhnung von sich gewiesen; allgemein ist dieSchuld; jede Nation hat in dem gefehlt, dessen Repräsentantin sie zu seyn berufenwar; jede hat den Riß zwischen den Gegensätzen, die sie versöhnen sollte, tiefergerissen; denn jede hat die Elemente der Versöhnung, welche das christliche Mittel-alter bot, und welche die neuere Zeit entwickeln sollte, verworfen, um nach Neuemgreifend in unsinnigem Beginnen Unbekanntes durch Unbekanntes zu suchen. DieseGegensätze waren für Deutschland , das Land der Wissenschaft, Freiheit und Noth-wendigkeit; für Italien , daö Land der Kunst, das Classische und Romauti-sche; sür England, das Land der Politik, Bestand und Fortschritt; für Frank-reich , das Land der gesellschaftlichen Bildung, Uniformität und Individualität.Im Grunde immer derselbe Gegensatz zwischen dem freien Geiste nnd der unfreienNatur, der unversöhnbar der Gottlosigkeit ist, versöhnbar nur der Religion,die Beide durch ein Drittes, ungleich Höheres, für beide Schöpferisches, durch dendreipersönlichen Gott verbindet, der den Menschen zur Versöhnung derselben geschaf-fen hat, derselbe Gegensatz, der dem Gedanken als Freiheit und Nothwendig-keit erscheint, der schöpferischen Phantasie als Classisches, in dem das Fatum,die Nothwendigkeit der blinden Natur, und Romantisches, in dem die FreiheitdeS geistigen Entschlusses als tragische Schuld und komische Thorheit herrscht, demstaatlichen Leben als Fortschritt, in dem die Natur ihre Mannigfachheit zu ent-fallen strebt, und Bestand, auf dem der einsame Geist rnhen möchte, im gesell-schaftlichen als Individualität, in der die Natur von sich kommt, und alsUniformität, in welcher der Geist sich in sich selbst koncentrirt. Italien hat