Ausgabe 
11 (31.8.1851) 35
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den Anfang gemacht; nicht daß eS den Zauberbecher der Schönheit, den ihm daswiedererkannte Alterthum im I3ten Jahrhundert reichte, an die Lippen setzte, warseine Schuld; denn wir können auch von den im Wesentlichen Irrenden das lernen,woran sie mit Erfolg gebildet haben, und die Erbschaft vergangener Jahrhundertesoll von der Nachwelt nicht verworfen werden, auch wenn diese im Besitze der heil-bringenden Wahrheit ist, die jenen fehlte; aber daß Italien , statt Maaß, Klarheitund Anmuth auS den Händen der heidnischen Muse zu nehmen, im wilden Sinnen-rausche in die Arme derselben stürzte, das war die ungeheure Schuld, das Verderbnißder christlichen Kunst. Italien hat einen Mann gehabt, dessen Spuren ihm denrechten Weg gewiesen hätten, wenn denselben hätte folgen wollen, den FlorentinerDante, Florentiner an Geburt, aber Römer an Geist und Gesinnung, den katho-lischen Dichter, den christlich keuschen, christlich strengen Jünger der Antike, denMann, der über allen Parteien stehend, nur der Wahrheit gehorchend, allen sagt,was sie ihm befiehlt, den treuen Sohn der Kirche, der sich vor der Würde ihrerFürsten beugt, auch da, wo er den Menschenwerth der Letzlern tadeln muß, denDenker, der überall Freiheit und Nothwendigkeit zu scheiden weiß und auf höheremGebiete zu versöhnen sucht, Petrarka war schon schwankend zwischen dem Sinnen-reize des Alterthums, dem er in seinen Sonnetten, wiewohl in romantischer Formhuldigt, und der Reinheit des Christenthums, zu der er sich in seinen ernstern Schrif-ten bekennt. Boccaccio aber sog alles Gift des HeidenthumS mit dem Honige des-selben, in zierlichster Form reichend, den schlüpfrig schlammig verderblichen Trank.Nach zwei Jahrhunderten folgte Briost in heiter blickender Sinnensclaverei dem Boc-caccio, der weiche Tasso im Schwanken zwischen süßer Leidenschaft und heiligem Ernstedem Petrarka. Ariost fand unzählige, wiewohl sehr untergeordnete Nachfolger, Tassowenige, der göttliche Dante keinen. Aehnlich ging es in der bildenden Kunst. Sohat sich das Gebiet der Schönheit von der Kirche losgerissen. Aber christliche Män-ner, wie Manzoni, werden die Kunst wieder christlich machen. In Deutschland hat die Reformation die Freiheit zuerst gelängnet, und der Pantheismus führte auS,waS jene begann. Aber der christliche Dualismus wird die Erkenntniß und durch sieden Willen auf den rechten Weg lenken. In England ist der Egoismus seit Hein-rich's VIII. schmählichem Abfall heimisch geworden. Bestand und Fortschritt könnensich dort nicht versöhnen, weil jener nur in dem Streben der Besitzenden, im Bewah-ren ihres Besitzes seinen Grund hat und das Geschrei der Nichtbesitzenden immer mehr-stimmiger sich dagegen erhebt. Aber die Kirche, in welcher die wahre Versöhnung zwi-schen Bestand und Fortschritt in der UnVeränderlichkeit des Dogmas und der sich immerfortentwickelnden Erkenntniß desselben liegt, wird immer mächtiger, das Uebel zuheilen. In Frankreich hat daS Uebel angefangen, als der sittenlose Ludwig XIV. eine Hofgeistlichkeit und einen Hofadel schuf, und durch Beide die Gesellschaft, dieer in Paris ccntralisirte, an den Rand des Verderbens stieß. Aber das Lebender christlichen Vereine, das dort herrlich erblüht, wird die kranke Gesellschaft heilen.(Miener Kirchenz.)

Blumen aus dem Schriftgarten des heiligen Bernardus.

(Fortsetzung.)220. Wachsamkeit.

In den Vigilien der Heiligen sollen geistige Menschen wachen. Aber es gibtWachen der Fleischlichen und Wachen der Geistigen. Jene bereiten glänzende Kleider,lcckerhafte Speisen, und verrichten sogar an den Vigilien Werke der Finsterniß, freuensich, wenn sie bös gehandelt, und erlustigcn sich an den schlechtesten Dingen. Ihrhabt Christum nickt so kennen gelernt, die ihr Christo gefolgt seyd, und die ihr mitwachsamen Augen auf den Namen der Vigilien merket müsset. Denn dazu werdendie Vigilien angeordnet, daß wir aufwachen, wenn wir in einer Sünde od--r Nach-