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lässigkeit schlafen, und mit Danksagung vor daS Angesicht der Heiligenkommen.
Lasset uns wachen über unsere Werke, damit wir entweder nicht unterlassen,waS geboten ist, oder nicht begehen, waS verboten ist» Wachen wir auch über unsereWorte, damit wir durch sie nicht Gott oder den Nächsten beleidigen. Bei jedemGespräche macht die glückliche doppelte Furcht besorgt, und bewegt die Betrachtungzweier Zukiörer. Zuerst die Furcht vor der göttlichen Majestät, in deren Hände zufallen es schrecklich ist. Dann die Furcht vor der menschlichen Schwäche, der manso leicht Anstoß geben kann. Die Wachsamkeit aber über das Herz, dem der Weisealle Aufmerksamkeit zu schenken ermahnt, ist nöthig, weil aus demselben daS Lebenhervorgeht. Doch ich halte dafür, daß auch diese besonders in zwei Dingen bestehe:daß nämlich ein sorgsames Gemüth über die Heerden seiner Gedanken und Neigungenfleißig nierke. Mit Recht wird diesem die Wache anvertraut, aus dem die zwei übri-gen hervorgehen, außer wenn vielleicht (waS Gott verhüte) sie getrieben würde»durch die Bemühung der Heuchelei, und sie nur den Schein der Tugend, nicht aberdie Tugend selbst habe. Gleichwie nämlich eine hervorquellende Ader Wassers, wennsie nicht vorher die nahe liegenden Flüsse angefüllt hat, weder zurückfließen nochgestillt werden, noch auch sich in die Höhe heben kann, weil sie nämlich andersbeschäftiget wird: so kann auch der menschliche Geist, bis er nicht jene Wachen, vondenen wir vorher gesprochen, der Hände und Zuge sorgfältig besetzt, weder zu einervollkommenen Sorgfalt für sich selbst hingelenkt werden, noch der angenehmen Ruheder Andacht genießen, noch auch einen erhabenen Schritt zu göttlicher Beschauung machen.
221. Wahl.
Dem Menschen allein unter den lebenden Wesen ist es gegeben, sündigen zukönnen, wegen deS Vorzuges der freien Wahl. Derselbe ist ihm aber nicht gegeben,damit er sündige, sondern daß er um so herrlicher erscheine, wenn er nicht sündiget,da er sündigen könnte. Denn waS kann ehrenvoller seyn, als wenn er von sich selbstsagen kann, waS die heilige Schrift anführt mit den Worten: „Wer ist der? aufdaß wir ihn loben." Warum also soll man ihn loben? „Denn er hat Wun-derdinge in seinem Leben gethan." Welche? „Er konnte sündigen,und sündigte nicht, BöseS thun, und that es nicht." Diesen Ruhm alsobewahrte der Mensch, so lange er ohne Sünde war. Er hat ihn verloren, da ersündigte. Er sündigte aber, weil es ihm frei stand. Es stand ihm aber frei wegender Freiheit der Wahl, gemäß welcher es ihm möglich war, zu sündigen. Doch wardieß nicht die Schuld des Gebenden, sondern deS Mißbrauchenden, weil er nämlichdie Möglichkeit zu sündigen zum Gebrauche der Sünde anwendete, die er erhaltenhatte zum Ruhme, nicht zu sündigen. Denn obgleich er sündigte wegen der Möglich-keit, die er empfieng, so sündigte er doch nicht, weil er konnte, sondern weil erwollte. Denn auch damals, als der Teufel sündigte und seine Engel, sündigten auchAndere, nicht weil sie nicht gehorchen konnten, sondern weil sie nicht gehorchen woll-ten. Der Fall eines Sünders also ist nicht zuzuschreiben der Macht, sondern demFehler des Willens.
DaS Wollen haben wir aus d?r freien Wahl, aber nicht auch daS Könnendessen, was wir wollen. Ich rede hier nicht vom Wollen deS Guten oder deS Bösen,sondern vom Wollen allein. Denn das Wollen des Guten ist ein Fortschritt, daSWollen deS Bösen eine Abnahme. Das einfache Wollen aber ist eö eben, waS aus-wärts oder abwärts schreitet. Die schaffende Gnade machte, daß es sey; daß eSvorwärts schreite, die rettende Gnade; daß es fiel, hat es sich selbst herabgestürzt.So macht uns also die freie Wahl zu Wollenden, die Gnade zu Gutes Wollenden.AuS uns selbst kommt daS Wollen, aus der Gnade das Gute Wollen.
Da der Wille nichts Freies hat, als sich selbst, so wird er mit Recht nur aussich selbst gerichtet.
222. Wahrheit.Ich bekenne, daß ich dieser drei Dinge bedarf, der Wahrheit, der Liebe