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und der Starkmuth. Mein Verstand nämlich ist dunkel wegen Nichtwissens derWahrheit; auch der Wille ist matt wegen FastenS der Neigung; das Fleischist schwach wegen Mangel an Starkmuth. Denn sowohl der Verstand siehtweniger ein, was zu thun sey, als auch der Wille liebt weniger das Eingesehene.Und zudem beschwert auch der Leib, der Verwesung unterworfen, die Seele, daßwir nickt thun, waS wir wollen. Denn sie würde diese Ohnmacht nicht leiden, wennder Verstand beständig geübt würde in der Aufsuchung der Wahrheit, der Willein dem Verlangen nach Liebe, das Fleisch in dem Vollzuge der Tugend.
Besser ist eS, eS entstehe ein Aergerniß, als daß die Wahrheit aufgegebenwerde. Je weiter sich Jemand von der Wahrheit entfernt glaubt, desto näher ister ihr.
223. Weib.
Immer bei einem Weibe seyn, und das Weib nicht fleischlich erkennen, ist dießnicht mehr, als einen Todten erwecken? Täglich ist deine Seite an der Seite derjungen Weibsperson am Tische. Dein Bett ist an ihrem Bette in der Kammer: deineAugen richten sich auf ihre Augen beim Gespräche: deine Hände berühren ihre Händebei der Arbeit, und du willst für enthaltsam gehalten werden? Gott gebe es, daßdu eS seyest, aber ich kann nicht allen Verdacht von mir abwehren.
224. Weisheit.
Nur allein die Weisheit, welche aus Gott kommt, ist heilsam, welche nach derErklärung des heiligen Jakobus erstens rein, zweitens friedsam ist. Die Weisheitdes Fleisches ist wollüstig, nicht rein. Die Weisheit der Welt ist lärmend, nichtfriedsam. Die Weisheit aber, welche aus Gott kommt, ist erstens rein: sie suchtnicht daS Ihrige, sondern waö Jesu Christi ist: sie schaut nicht darauf, daß einJeder seinen Willen thue, sondern was der Wille Gottes sey. Dann ist sie fried-sam, indem sie sich in ihrem Sinne nicht aufbläst, sondern mehr nach fremdemRathe und Urtheile sich richtet.
Wer zur Weisheit gelangen will, der muß zuerst sich fleißig üben in gutenWerken, wie geschrieben steht: „Verlangest du, o Sohn, nach Weisheit, sohalte die Gebote, und Gott wird sie dir geben."
Weise ist, wem die Dinge vorkommen, wie sie sind. Wem aber die Weisheit,wie sie an und für sich ist, lieblich ist, der ist nicht nur weise, sondern auch selig.
Die Sonne erwärmt nicht Alle, die sie bescheint. So unterrichtet auch dieWeisheit Viele, was sie zu thun haben, entzündet sie aber nicht auch zugleich zumHandeln. Ein Anderes ist es, viele Schätze wissen, und ein Anderes, sie besitzen.Die Wissenschaft macht nicht reich, sondern der Besitz. So ist eS ganz und garetwas Anderes, Gott kennen, und etwas Anderes, Gott fürchten: nicht die Erkenntnißmacht weise, sondern die Furcht, die auch bewegt.
Gleichwie der Anfang der Weisheit die Furcht des Herrn ist, so ist der Stolzder Anfang einer jeden Sünde: und gleichwie die Liebe Gottes für sich in Anspruchnimmt die Vollkommenheit der Weisheit, so die Verzweiflung die Vollendung allerBosheit. Und gleichwie auö der Kenntniß deiner selbst die Furcht Gottes in dichkommt, und aus der Kenntniß Gottes die Liebe, so kommt im Gegentheile auS derUnkenntniß deiner selbst der Stolz, und aus der Unkcnntniß GotteS die Verzweiflung.
Die Tugend ist verwandt mit der Weisheil, Was die Tugend erarbeitet,genießt die Weisheit, und was die Weisheit ordnet, überlegt, mäßiget, führt dieTugend auS. „Weisheit schreibe in der Ruhe," sagt ein Weiser. Also ist die Ruheder Weisheit ihre Geschäftigkeit, und je ruhiger die Weisheit ist, desto geschäftigerist sie in ihrer Art. Im Gegentheile ist die Tugend in ihren Uebungen offenbarerund um so bewährter, je geschäftiger sie ist.
Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen. Verlags-Jnhaber: F. C. Krem er.