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Dreizehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
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Augsburger PostMung.
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Sst. Februar M 8. l853.
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Diese» Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonuementspre!«kr., wofür e« durch alle kovigl. bayer. Postämter vud all« Buchhandlungen bezogen werden kann.
Brief des Grafen Joseph de Maistre an eine protestantische Dameüber den Grundsatz, daß ein redlicher Mann niemals seine
Religion wechselt.
'5".?' '.'.''^ - St. PetnS»uxg, d»a S,^ec. 180».
Gnädige Frau!
Sie verlangen meine Meinung über den so gangbaren Grundsatz, daß einredlicher Mann nie seine Religion wechselt. Stets werden Sie, gnädige Frau, zueiner unbegränzten Willfährigkeit gegen Sie mich bereit finden, und ich beeile michum so mehr, im vorliegenden Falle Ihnen Folge zu leisten, als, wenn ich michnicht täusche, es allein das Trugbild der Ehre ist, welches Sie von der Wahrheittrennt. Deßhalb ist eS um so nöthiger, dessen baldige Nerscheuchung zu bewirken.
Ich würde mich mit Ihnen freilich lieber mündlich unterhalten; aber dieVorsehung gestattet eS nicht. Da wir für sehr lange Zeit, vielleicht für immer,getrennt sind, schreibe ich Ihnen, und ich habe die gewisse Hoffnung, daß auf einenso gebildeten Geist, wie der Ihrige, dieser Brief ganz die Einwirkung haben wird,welche ich davon erwarte.
ES kann keine wichtigere Frage geben; denn wenn kein Mensch seine Religionwechseln soll, so ist überhaupt von Religion nicht mehr die Rede. ES ist unnütz undsogar lächerlich, zu erforschen, auf welcher Seite sich die Wahrheil befindet. Jederhat Recht oder Jeder hat Unrecht, ganz nach Belieben: eS handelt sich dann umeine bloße Polizeimaaßregel, deren Betrachtung wahrlich nicht der Mühe werth ist.Aber, ich bitte Sie, erwägen Sie folgende Alternative: wenn jeder Mensch verbundenwäre, in seiner Religion zu verharren, von welcher Beschaffenheit sie auch sey, sofolgt nothwendig daraus, daß entweder alle Religionen wahr, oder daß alle Religionenfalsch sind. Nun, von diesen beiden Voraussetzungen kann die eine nur aus demMunde eines Wahnsinnigen hervorgehen, und die andere auS dem eines FrevIerS.Ich bin deßhalb entbunden, mit einer Person, wie Sie, die Frage sowohl in Hinsichtauf die eine oder die andere der beiden Boraussetzungen zu prüfen, und ich kannmich auf eine dritte beschränken, nämlich auf diejenige, welche eine wahre Religionzuläßt und alle übrigen als falsche verwirst.
Ich fühle mich hierzu um so mehr verpflichtet, da von dieser Voraussetzunggerade die Behauptung ausgeht, daß Jeder in seiner Religion verbleiben müsse.Man sagt in der That: der Katholik behauptet, daß er Recht habe, der Griechebehauptet, daß er Recht habe, der Protestant behauptet, daß er Recht habe: wersoll unter ihnen der Richter seyn? Meine Antwort wäre sehr einfach, wenn das derGegenstand der Frage wäre. Ich würde sagen: Gott wird prüfen, ob der Mensch