Ausgabe 
13 (20.2.1853) 8
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nicht zweifelhaft seyn, daß der Katholik, der zu einer Sccte übertritt, nothwendigein verächtlicher Mensch ist, aber daß derjenige Christ, welcher von einer Secte zurKirche zurückkehrt (wenn er nämlich, waS sich von selbst versteht, auS UeberzeugungHandell), ein redlicher Mensch ist, der eine geheiligte Pflicht erfüllt.

Gestatten Sie mir, daß ich die Theorie durch die Erfahrung ergänze. Wirhaben in unserer Religion Verzeichnisse durch ihre Würdigkeit, ihren Rang, ihreVerstandesschärfe und ihre Talente hervorragender Leute (so zahlreich, daß wir davonBücher machen könnten), die ungeachtet aller Vorurtheile ihrer Secte und Erziehungdoch der Wahrheit die Ehre erwiesen haben, indem sie zur Kirche zurückgekehrt sind.Versuchen Sie, ich bitte Sie darum, ein ähnliches Verzeichniß von allen den Men-schen, welche den Katholicismus abgeschworen haben und zu einer andern Secte über-getreten sind, zusammenzustellen. Sie werden im Allgemeinen nur Wüstlinge, ver-dorbene Genieö und verworfene Menschen finden. Ich appellire an Sie selbst, gnä-dige Frau! Sie haben Ihre Kinder dem entlaufencn Mönch, der vor einiger Zeithier ankam, nicht anvertrauen wollen. Und doch handelte es sich nur darum, ihnenGeographie und Arithmetik zu lehren, Gegenstände, die mit dem Glauben nichtsgemein haben. Sie mußten also von einer tiefen Verachtung gegen ihn erfüllt seyn;aber eS wäre Ihnen unmöglich, z. B. den Grafen Stolberg oder die FürstinGallitzin zu verachten. Leute, die nicht Ihre Offenheit haben, können Sie tadeln,weil man, ich sage nochmals, Niemand hindern kannJa oder Nein" zu sagen;aber ich appellire allen Ernstes an Ihr Gewissen.

So wie der Weg geebnet ist. handelt eS sich nur darum, ihn zu betreten.Sie werden mich fragen, waS ist zu thun? Ich will Sie nickt drängen, gnädigeFrau. Sie wissen, wie sehr ich die unnütze und gefährliche Oeffentlichkeit fürchte.Sie haben einen Gemahl, Kinder und zeitliche Güter. Ein Aufsehen erregenderSchritt von Ihrer Seite würde unnütze Verlegenheiten zur Folge haben. Ich beab-sichtige auch gar nicht, Sie zu diesem Schrille mit theologischer Strenge zu drängen;aber eS gibt sanfte Mittel, welche, ohne aufzuregen, nachhaltig wirke». Wenn siefürs Erste die Wahrheit nicht offen bekennen dürfen, so sind Sie wenigstens verbun-den, ihr niemals zu widersprechen. Gewohnheit, menschliche Rücksicht oder Klugheitund insbesondere Nationalstolz sollen Ihnen nie ein Wort gegen dieselbe zu entlockenvermögen. Ferner seyen Sie stets eingedenk, daß eine Dame Ihres Charakters stetsdie Beherrscherin ihres geselligen Kreises ist. Ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Dienersind mehr oder weniger ihre Unterthanen, seyen Sie thätig in dem Umfange diesesReiches. Tragen Sie zum Falle jener unglücklichen Irrthümer bei, die so viel Unheilin der Welt angerichtet haben; Ihre Verpflichtungen gehen über den Bereich IhrerGewalt nicht hinaus. Sowohl im Guten wie im Bösen ist Ihrem Geschlechte eingroßer Einfluß gegeben, und um hartnäckigen Stolz ans die rechte Bahn zurückzu-führen gibt eS kein wirksameres Beweismittel, aiS dasjenige einer achtungswerthenGattin, deren Tugenden auf dem Glauben beruhen. Begünstigen Sie die Verbrei-tung guter Bücher, die Sie selbst auf den Punct gebracht, auf dem Sie sich jetztbefinden. Voltaire sagt, die Bücher haben Alles gemacht. Er hat nur zu recht;halten Sie sich an seine Regel, und wenden Sie dieselbe gegen den Irrthum.

Endlich, gnädige Frau! betrachten Sie als die Hauptsache: Uebereinstimmungmit Ihrem Gewissen, v. h. mit Gott ; die gewissenhaste Ueberzeugung geht niemalsunter. Unterwerfen Sie sich gänzlich der Wahrheit; halten Sie für wahr, waswahr ist, für falsch, was falsch ist. Bitten Sie von ganzem Herzen, daß das Reichder Wahrheit sich von Tag zu Tage mehr ausbreite, und lassen Sie diejenigen reden,welche sich anmaßen, Sie durchschauen zu wollen. Wenn Sie sich in solcher Ver-sassung befinden, sage ich Ihnen mit Lusignan: Gehe, und der Himmel wird dasUebrige thun.

Ich habe die Ehre zu seyn lc. (Schief. Kbl.)