288
Schleier bedeckte ihren Kopf. Nach einem kurzen Gebete las der Delegat die heiligeMesse, und bestieg nach der Beendigung derselben die Kanzel, und verkündigte derzahlreichen Versammlung, welche die Kirche anfüllte, seine Sendung sey nur geistlicherArt, und JesuS habe sein Blut sowohl für die schwarzen und farbigen Menschen ver-gossen, als für die weißen. Diese Worte machten auf das Volk einen lebhaften Ein-druck, eS begleitete ihn bis zu dem Palaste, welcher zu seiner Aufnahme eingerichtetwar. Der Prälat blieb drei Tage in Jacmel und hielt am Sonntage vor seiner Ab-reise nach Port-au-Prince , der Hauptstadt der Insel, ein Pontificalhochamt. DieKirche war so angefüllt, daß man kaum athmen konnte. Nach der Messe predigteer über die Liebe GotteS, die Zuhörer wurden davon so gerührt, daß sie sich alle aufdie Kniee warfen, als er die Kirche verließ. Die Behörden und das Volk begleitetenihn in einer Procession bis in den Palast, er ertheilte dann von einem Fenster ausden Segen. — Der Kaiser war sofort von der Ankunft des Delegaten in Kenntnißgesetzt, und ließ sogleich Anstalten zu seinem feierlichen Empfange treffen. Ich weiß,er hat zu seiner Residenz den schönsten Palast der Stadt bestimmt. An einem glück-lichen Erfolg der Sendung dieses Prälaten läßt sich nicht zweifeln; seine Güte undMilde sprechen zu laut für ihn, er wird gleichsam vom Volke vergöttert, welches sichnur über ihn unterhält. Sobald er im Stande seyn wird, die Sprache der Creolenzu sprechen, deren Erlernung er sofort begonnen hat, werden wir die WiedergeburtdeS Landes erblicken, denn das Volk ist leicht zu regieren, ihm mangeln nur Priester.Und Europa hat deren so viele.
jjk»z,mÄ'iHK, m»y MW 7»6 '5't '.B '!- !<4i>HtM nzM -HRZÄHM-Pz tt'-t<j<!
Zu RenneS starb am 12. August die ehrwürdige Schwester Maria Theresevon Jesuö im Mutterhause des von ihr gegründeten und schon so berühmt gewor-denen Ordens der „kleinen Schwestern der Armen." Sie war bekanntlich eine derbeiden Arbeiterinnen von Saint-Servan, die unier Leitung des Abb6 Le Pailleur sichdem Herrn opferten, um die dürftigsten Armen aufzusuchen, zu verpflegen, und fürsie ihr tägliches Brod zu erbetteln. Die Schwester Marie Augustine wurde die ersteOberin, und die Schwester Marie Therese von JesuS hatte zuerst die Freude, einesvollkommenen Gehorsams zu genießen. Beide waren damals erst achtzehn Jahre alt,und beide halten sich durch die Arbeit ihrer Hände bis dahin ernährt. Von den14 SouS, die eine jede in den besten Tagen verdiente, gaben sie den größten Theilan die Armen. Weder die beiden Jungfrauen noch ihr Seelenführer besaßen irdischesVermögen, waren aber reich an Seelcngütern, und sind deßhalb gewürdigt, Gründereiner zahlreichen Ordensgemeinschaft zu werden. Bei ihrem Hingänge in daS bessereJenseits, welches nach kaum vollendetem 35stcn Lebensjahre erfolgte, waren bereitseinige dreißig Häuser ihres Ordens gegründet, in denen eiwa.fünfhundert Schwesternund Novizen viele tausend Greise, Männer und Frauen beherbergten, ernährten, trö-steten und Anleitung in der Gottesfurcht gaben. Schon seit mehreren Jahren wardas Leben der Schwester Maria Therese von JesuS ein beständiges Martyrium; inhimmlischen Tröstungen fand sie aber tausendsäliigen Ersatz für ihre physischen Leiden.Sie wurde Oberin des ersten Hauses in Paris, und hat in London und andernStädten Klöster von den „kleinen Schwestern der Armen" gegründet. Hier sah mansie stets in Begleitung der Schwester Maria Augustine, der Generaloberin, welche fasteben so kränklich war als sie selbst, neue Wohlthäter aufsuchen, für die Armen betteln,sie bedienen, oder Novizen heranbilden. Nachdem sie sich Tage lang mit den Brosamen,welche die Armen übrig gelassen, begnügt hatte, mußte sie oft auf bloßer Erde schlafen,weil sie ihr dürftiges Lager irgend einem eben eingetrossenen Armen darreichte. Aber nochgrößer als der Heroismus ihrer Liebe war ihre Geduld, ihr Seelenfriede, ihre Liebe zumDulden, ihre Klugheit, die sie im Reden und Handeln bewies, ihre Heiterkeit und fort-währende Besonnenheit inmitten so vieler Beschäftigungen und Leiden.
__^—-_
Veraotwortticher Redacteur: «. Schö » che «. Verlag«. Zuhab«: F. «5. Kremer.