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Weiber durch die Bank zwei. — Fräulein Holten wirdkeine Ausnahme von dieser Regel machen, mag sie sonstauch ihre speciellen Tugenden besitzen. Daß der Toddes ihrem Schutze anvertrauten Kindes einen außer-ordentlichen Eindruck auf ihr Gemüth hervorgebracht,mag seine Richtigkeit haben, im Ganzen genommen aberwird die alte Liebe doch den Löwenantheil an dieserraschen Verlobung beanspruchen. — So, weiter will ichSie lieber nicht begleiten, das Fräulein möchte Wundersglauben, was wir für Geheimnisse hätten, Herr Doctor."
Er grüßte höflich und schlug eine andere Straßeein, während Doctor Peters sehr nachdenklich, da ihndas Benehmen des Kommissars stutzig machte, dem Marktezuschritt, wo sich Armgard Holten's stattliches Hausbefand.
Armgard's Wagen hielt bereits vor der Thür. Sieselber saß zur Heimfahrt fertig vor ihrem Schreibtisch,den Kopf in die Hand gestützt auf einen Brief nieder-starrend, dessen Adresse ihre Handschrift trug und anden Verlobten gerichtet war. Noch hielt ihre Rechtedie Feder, mit welcher sie jetzt mechanisch auf einemweißen Bogen kritzelte. Sie erröthete, als ihr Augesich fester auf das Geschriebene heftete und einen Namenlas, mit welchem sich ihre Gedanken in den letztenTagen mehr als mit Julius Steindorf beschäftigt hatten.Der Name Leonhard Marbach stand auf dem Papier,unbewußt hatte ihre Hand denselben niedergeschrieben,weil sie das Bild des todkranken Mannes nicht aus derSeele los werden konnte. Fortwährend sah sie seinflehendes Auge auf sich gerichtet, hörte seine Bitte:„Heirathen Sie Ihren Verlobten nicht, bevor er IhrenWunsch, den Kinnbart glatt wegrasiren zu lassen, erfüllthat. Wenn Sie zwischen Mund und Kinn einen rothenStrich erblicken, dann sagen Sie es dem Criminal-Commissar Frenzel, und Sie sind vor dem Schrecklich-sten bewahrt."
Diese wahnsinnigen Worte hatte er noch zweimalmit schwindender Kraft, zuletzt mit kaum verstänvlicherStimme an sie gerichtet, und sie hatte es ihm gelobt,um ihn zu beruhigen und aus der aufregenden Nähedes Fieberkranken zu kommen.
Wie kam es nur, daß sie seitdem stets an denUnglücklichen hatte denken müssen, daß seine Fieber-phantasie, denn für etwas anderes konnte sie jene Bittenicht halten, fortwährend in ihr wiederhallte und alleanderen Gedanken zu verdrängen drohte? —
War es vielleicht die Ueberzeugung, welche sich ihran seinem Lager hatte aufdrängen müssen, daß er sieliebte und seine Träume und Phantasien sich stets mitihr beschäftigten? Sie hätte am Ende kein Weib sein ,müssen, um bei solcher Erkenntniß ganz gleichgültig zu :bleiben. -
„Gott steh' mir bei, daß ich nicht auch wahnsinnigwerde," flüsterte sie, den Bogen mit Marbach's Namenin den Schreibtisch werfend und diesen verschließend,„aber gleichviel," setzte sie mit entschlossener Miene hinzu,„möge er es seltsam von mir finden, ich werde ihndennoch darum ersuchen, jenen Bartschmuck am Kinn zuentfernen, weil derselbe mir häßlich erscheint. So willich die Bitte des Unglücklichen erfüllen und mein gege-benes Wort halten."
Die Frau ihres Hausverwalters erschien, um ihrzu melden, daß der Wagen schon eine ganze Weile aufdas Fräulein warte. Sie hatte diesen bequemen Posten
einem alten verheiratheten Dienerpaar, das bereits ihrenEltern lange Jahre treu gedient, nicht nur als eine Be-lohnung, sondern als pflichtschuldige Versorgung-ver-liehen. —
„Ich komme schon, liebe Lorenz," sagte Armgard,sich müde erhebend.
„Fräulein sind doch noch recht schwach," meintedie alte Frau bekümmert, „sollten lieber ein GläschenWein trinken."
„Ha, es ist wahr, ich fühle mich zuweilen sterbens-müde, als ob ich wieder krank würde. Eine Luftver-änderung wird mir gut thun, ich denke, später eineZeit lang im Süden zu bleiben. Doctor Peters —"
„Ja, der ist damit einverstanden," tönte die Stimmedes Genannten von der offenen Thür her. „Ich trafkeine lebende Seele, um mich anzumelden, meine Gnä-digste, und mußte Sie deshalb nolans volanZ überfallen."
Die alte Frau Lorenz verließ das Zimmer, undDoctor Peters trat näher.
„Ich muß Sie nämlich noch einmal sprechen, liebesFräulein," fuhr er rasch fort, „und befürchtete schon,zu spät zu kommen. Sieh, da liegt ein Brief an IhrenVerlobten ja bereit zur Abfahrt," setzte er, auf denSchreibtisch deutend, ungenirt hinzu. „Haben Sie indemselben etwas von Tante Hanna geschrieben?"
„Nein," erwiderte Armgard befremdet.
„Na, das freut mich, weil ich die Bitte vergaß,keinem Menschen, wer immer es auch sei, von der vor-aussichtlichen Genesung der alten Dame nur das Ge-ringste mitzutheilen."
Armgard schüttelte verwundert den Kopf.
„Das begreife ich nicht, Herr Doctor! -- Siethun ja, als ob es sich hier ebenfalls um ein Ver-brechen handele."
„So ist es auch, meine Gnädige," versetzte derDoctor sehr ernst, „um meiner Bitte Nachdruck zu geben,muß ich mich wohl dazu bequemen, Ihnen ein Geheim-niß anzuvertrauen, dessen strengste Bewahrung ich Ihnenzur Pflicht mache."
Er erzählte jetzt von dem bis zur Gewißheit ge-steigerten Verdacht eines Verbrechens, das in der Ge-witternacht gegen das Leben und Eigenthum der Greisinbegangen worden, und daß durch mehrere Fundstücke,sowie durch Verkettung unheimlicher Umstände sich derüberzeugende Beweis ergeben, daß auch dieses Ver-brechen durch dieselbe Person verübt sein müsse, welchedie tödtlichen Schüsse im Hohlwege und das Attentatoben in den Bergen auf dem Gewissen habe, daßdieß Alles aber als strenges Geheimniß bewahrt werdenmüsse, besonders auch die erhoffte Wiederherstellung deralten Tante Hanna, welche unstreitig den Verbrecher injener Nacht gesehen habe."
„Ach, darauf deuteten am Ende ihre sonderbarenReden hin," fiel Armgard, welche mit starrem Entsetzenzugehört hatte, überrascht ein. „Wissen Sie, HerrDoctor, sie sprach doch von einem Jemand, den sie ge-sehen, der etwas abgenommen —"
„Natürlich irgend eine Maskirung, da er sich unbe-achtet wähnte," ergänzte der Doctor.
„Ja, ja, aber, — sagte sie nicht auch, daß sie ihnerkannt habe?"
„Allerdings, doch haben wir das wohl auf Rech-nung der Gedanken-Lücken zu setzen. Ich sehe keineMöglichkeit für diese Behauptung. Lassen wir das jetzt,