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„So schön und gewaltig in kühner Kraft ist keinerder andern Sachsenrecken, wie der mir gar wohl bekanntehochragende Führer dieser Siegerschaar. Dem Fürsten-sohn aber, den er, so scheint es, als Geisel mitführt,ist der Muth auch nicht sonderlich vergangen; der kühneBlick seines dunklen Auges, sein froher Gruß zu unsermFensterlein empor, das alles sprach von ungebeugtemSinn. Der Gruß galt Dir. Sag', kennst Du denschwarzlockigen Prinzen?"
Hildeswitha nickte bejahend und tiefer erglühend.Noch aber hatte sie der Freundin Frage nicht beant-wortet, als das Dröhnen des Marschallstabes Stille gebot.
Der Sachsenherzog verkündete:
„Graf Tammo von Sommerschenburg kehrt alsSieger über die Wenden zurück. Sechzehn feindlicheBurgen eroberte er mit seinen Mannen. Der von ihmgeschlagene König Mistui sendet zur Gewähr, daß erseine eigenen Grenzvcsten zerstöre und den verlangtenTribut entrichte, seinen Sohn Slavomir als Geisel."
Die Kaiserin rief freudig:
„Gelobt sei Gott l So soll der herrliche Sieger all-sogleich einen Ehrenplatz an unserer Tafel einnehmen."Sie deutete zu ihrer Linken.
„Auch der Fürstensohn Slavomir, der sich freiwilligals Geisel stellt, mag an unserm Mahle theilnehmen.Die tapferen Sachsen, die siegreichen Mannen undKampfgenossen des Grafen Tammo, sollen auf demBurghof köstlich bewirthet werden."
Jubelnder Zuruf begrüßte den siegreichen Grafen,sobald dieser im Thürbogen sich zeigte.
Der junge Kaiser ging ihm entgegen, sprach herz-liche Dankesworte, umarmte und küßte ihn.
Auch Bernward und Bischof Volkmar waren auf-gesprungen; sie umarmten in freudiger Rührung denBruder und Neffen.
Der Marschall geleitete die Ankömmlinge zum Ehren-plätze; und selbst Sophia fand, daß dem stattlichenHelden die Stelle gebühre. Der Wendenprinz Slavomirwurde am untern Ende der Tafel zwischen die Hofleuteeingereiht.
Das war eine frohe Unterbrechung des Festmahls!Manchem mundete der Spießbraten noch einmal so gutauf die Kunde, daß der übermüthige Wenden- undObotriten-Fürst Mistui endlich gedemüthigt und besiegtsei, und daß das Land zwischen Elbe und Weser vor-läufig sicher sei vor räuberischen Einfällen.
Als nach Aushebung der Tafel einem Jeden dasRecht zustand, sich in sein Gemach zurückzuziehen, ge-dachte Bernward trauliche Zwiesprache mit dem heim-gekehrten Bruder zu pflegen. Mit Nichten. Der jungedes Lernens überaus begierige Kaiser hatte auch wasvor. Die Herbe der Mathematik zu lindern, hatte Bern-ward dem kleinen Zögling für jeden Tag seine Aufgabeauf ein Pergamentblatt geschrieben.
„Ich muß Euch melden, mein Lehrmeister, daß ichdie mathematische Aufgabe, so Ihr mir am gestrigenTag gestellt, nach bestem Wissen gelöst habe. Ich würdenicht glücklicher sein, als wenn Ihr heute am Oster-sonntage selber meine Lösung prüfen und gutheißenwolltet." Mit diesen Worten zog der kaiserliche Knabeden Lehrer in ein gewölbtes Gemach, dessen Wände mitBüchern und Schriftstücken bedeckt waren.
„Ehe ich Euch meine Arbeit zeige," begann derjunge Kaiser alsdann schalkhaft lächelnd, „bitte ich Euch,
jene Truhe sammt ihrem Inhalt als Euer Eigen inEmpfang zu nehmen."
Er führte den erstaunten Bernward zu einer kunst-voll geschnitzten, mit getriebenen Beschlägen aus Edel-metall und mit kostbaren Steinen verzierten Lade.
„Da ich Euere Vorliebe für alterthümliche Kunst-werke kenne, erbat ich von meiner Frau Mutter einigeaus Byzanz hierhergebrachte Seltenheiten zum Oster-geschenk für Euch."
Otto öffnete die Lade und breitete ein trefflich ge-wirktes Meßgewand von grüner Seide vor dem jungenPriester aus. Dann entnahm er derselben zwei meister-haft gearbeitete metallene Leuchter mit den Worten:
„Hieran solltet Ihr Euern ohnedies so geläutertenKunstsinn weiter bilden, also meinte meine erlauchteMutter." Er griff wieder in die Tiefe.
„Und da Ihr so ausgezeichnet seid in der Kunst,Metalle zu bearbeiten und edle Steine zu fassen, soschenken wir Euch dieses." Damit schüttete er lachendeinen Reichthum von kostbaren Steinen und Gemmenauf den Tisch.
Die Dankesworte des freudig Ueberraschten unter-brach Otto, indem er dem Lehrmeister die glücklich ge-löste mathematische Aufgabe vor Augen hielt.
Bernward prüfte die Arbeit des Schülers und lobtesie freudig.
„Nun zeiget und erklärt mir, was Ihr seit gesternin mein libsr urutliöinatioalis, so Ihr mit Wissen,Schürfe und Feinheit zusammenstellt, für mich eingetragenhabt", bat Otto.
Bereitwillig entnahm der Lehrmeister einem Ver-schluß seine Handschrift, welche zwischen zwei unförmige,starke eichene Bretter, mit weißlichem Leder überzogen,gelegt war, und begann voll Eifers zu lesen und zuerklären.
Der lebhafte Schüler lauschte gespannt.
Beinahe wäre am heiligen Osterfeste eine regelrechteMathematik-Stunde ins Werk gesetzt worden, wenn nichtdie Herrin Theophano den gelehrten Meister in ihr Ge-mach hätte entbieten lassen.
(Fortsetzung folgt.)
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Zwei Todte.
Erzählung von Ch. Jlosa.
(Schluß.)
„Hör' mal" — fing der Nechtsanwalt wieder anund deutete mir auf eine Zcitungsstelle — „Du — inAfrika soll ja da ein neuer Araberaufstand sein? Liegtnicht die Missionsstation unseres gemeinsamen Eid indessen Nähe?"
„Liegt nicht bloß in der Nähe, sondern mitten d'rin.Uebrigens im Anschlüsse an Deine Duellgeschichte und jetztdie Erwähnung Cids muß ich Dir doch auch etwas Neueserzählen. Weißt Du denn, daß Eid einmal der Schwieger-sohn des Erschossenen werden wollte?"
Er legte das Blatt weg. „Nein, ist nicht möglich!Eid und überhaupt verliebt — nein, Du erlaubst Direinen Scherz! Oder träumst Du wohl schon? — Nun— prost! — Wollen wir dem Jngelheimer den Garausmachen und uns zur Erweckung Deiner Lebensgeister nochan einer Flasche Sekt versuchen? Dabei kannst Du mirdann ganz hübsch was von Eid und seiner Liebe erzählen.Er hat mir, als ich Fuchs war — bald darnach ging er