Ausgabe 
(23.10.1894) 86
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ja von hier weg stets riesig imponirt, so daß ich michfür sein Schicksal aufrichtig interessire."

Wir leerten unseren Jngelheimer. Der Sekt erschien.Die Kellnerin wischte mit ihrer Serviette nochmals säuberlichdie frischen Gläser, sie wurden gefüllt, und die schäumendeBlume stieg"auf das Wohl des fernen Freundes".Mir war ja heute schon tagsüber das Herz ohnedies sovoll wehmüthigen Gedenkens an den Braven in Afrika gewesen, daß ich eine Aussprache als wirkliches Bedürf-niß empfand und der Einladung des lieben Begleitersdarum herzlich gerne folgte. Wir zündeten uns eine frischeZigarette an und rückten uns behaglich auf unseren Stühlenzurecht. Mein Rechtsanwalt trocknete mit seinem leichtparfümirten Taschentuchs einige versprengte Sektperlen ausseinem flotten Schnurrbarte und eröffnete das Gespräch:

War Eid nicht zuerst Korpsier? Er hatte doch einenstarken Schmiß über die linke Schläfe?"

Gewiß. Wir waren beide gleichzeitig Füchse, erbeim Korps R. und ich bei uns, und einmal hat er michsogar auf der Parade zu rempeln undanzuöden" ver-sucht. Du magst Dir denken, wie ich darum erstaunt war,als ich in den folgenden Herbstferien, um die Exercitienmitzumachen, nach W. kam und am Begrüßungsabendeauf einmal neben mir unseren Eid erkannte. Er hattemein Befremden bemerkt und sagte lächelnd:ErstaunenSie nicht, ich bin nicht mehr Korpsier!" Er erzählte mirdann, daß man ihm zugemuthet hatte, einedringliche"Bestimmungsmensur mitzuschlagen, als seine Mutter amSterben lag. Wir freundeten uns an während der ge-strengen Zeit, so gut die Tagesordnung dies gestattete,und mit dem folgenden Semester sprang er bei uns ein.Damals trug er noch nicht den großen Bart, in demDu ihn kennen lerntest, sondern nur ein leichtes Schnurr-bärtchen, wie ihn eine Photographie auf unsererKneipe"zeigt. Dieses kam ihm auch für seine Adjustirung zu denverschiedenen komischen Produktionen, in welchen er ex-zellirte, recht zu statten. Später."

Aber ich bitte Dich: Eid, der Cato, und komischeMimiken? So was ist mir so unwahrscheinlich wie Eidund die Liebe," unterbrach mich mein Gegenüber, dieGläser nachfüllend und mir Feuer für meine erloscheneZigarette reichend.

Und doch ist es so. Er war damals sogar einausgelassener Bursche. So ernst, einCato", wie Duihn im Gedächtniß hast, ward er erst mit dem Tode seinesVaters. Er ging dann auf die Universität zu V., absol-virte, promovirte dortselbst, diente sein Einjährigen-Jahrund kam wieder hieher, um sich als klinischer Assistentan der Universität zu habilitiren. Du kanntest ihn somitbloß alsPhilister" und überdies, nachdem seine un-glückliche Liebe- ihn völlig weltflüchtig gestimmt hatte. Ertrug sich allerdings früher schon mit dem Gedanken, Mis-sionär zu werden.Einem Apostolate muß ich mich wid-men, den Drang, den Feucrgeist fühle ich in mir," sagteer mir immer.Entweder als Arzt der leidenden Mensch-heit beistehen und als Professor die akademische Jugendauf die Bahnen einer christlichen Wissenschaft führenoder als Missionär hinausziehen und den Schwarzen dasEvangelium verkünden!" Da schickte ihm Gott jenes Er-eigniß, welches sein Schwanken entschied. Es kam so. Inder heil. Messe, die er um 8 Uhr, bevor er zur Klinikging, in einer benachbarten Kirche zu besuchen pflegte,fiel ihm einmal eine junge Dame auf, die durch ihreeinnehmende Erscheinung und ihr züchtiges Wesen seine

Andacht zu seinem ärgerlichen Verdrusse gefangen nahm.Er beobachtete das Fräulein unwillkürlich mehrere Tagehindurch und sein Interesse ward immer unbesieglicher.Zuletzt kundschaftete er sogar ihren Namen und ihre Fa-milie aus. Eines Tages, nachdem das stumme Spielschon wochenlang gewährt hatte, gestand er es mir. Mirwar sein schweigsames, zerstreutes, verträumtes Wesen,das gegen seine gewohnte philosophische Fassung undSammlung so grell abstach, bereits aufgefallen. Er warja stets die Offenheit und Freimüthigkeit selbst. Trotzdemward ich bestürzt, als er mir auch schon seinen Entschlußverkündete und wenn er einen solchen einmal auS-sprach, dann stand er fest:Morgen um */z12 Uhrgehe ich zu ihrem Vater und bitte um ihre Hand." DerVater aber war der unglückliche Rittmeister Z)., er wohntedamals in der U.-Straße. Am andern Tage um ^1 Uhrreißt Jemand stürmisch an meiner Klingel, die Magdöffnete, und die wuchtigen Schritte Cids stürniten schnur-stracks auf meine Thüre zu, durch welche er ohneweiteres eintrat. Mit einem langen, traurigen Blicke saher mich an ich ahnte alles. Er sank auf mein Sophanieder, drückte sein Gesicht auf das Kissen, und wie einRuck ging ein tiefes Schluchzen durch den Körper. Doches dauerte nur einen Augenblick, dann hob er wieder stolzseinen Kopf, richtete seinen verschobenen Frack zurecht,fuhr mit der Hand über Haar und Bart, als wollte eretwas wegwischen und sagte mit ruhiger Stimme:Ichbin nicht unmännlich, ja nicht! Ich will Dir alles er-zählen." Er zog seine Handschuhe aus, neigte sich leichtmit dem Oberkörper nach vorne und begann, nachlässigmit seinen Handschuhen spielend, mir den Verlauf desBesuches zu schildern, daß der Rittmeister ihn höflichempfangen und angehört, ruhig darauf nach seinen Ver-hältnissen und zuletzt nach seiner militärischen Stellungbefragt habe. Er habe erklärt, Assistenzarzt erster Klassezu sein und auf den Stabsarzt dienen zu wollen, woraufder Rittmeister ihn gefragt habe, wie er sich denn zumDuelle zu stellen gedenke. Eid erklärte in artigster Form,aus den und den und den Gründen das Duell verwerfenzu müssen. Der andere sagte hierauf gemessen:Ich achteIhre Anschauung und Sie werden meinem Standpunkteein Gleiches erzeigen. Sie werden also verstehen, daß ichunmöglich einen Herrn zum Schwiegersöhne nehmen kann,der den Ehrenkodex des Offiziers bekämpft und der, wennz. B. seine Frau von einem satisfaktionsfähigen Herrnbeleidigt werden sollte, dann nicht willens ist, die Ehreder Beleidigten zu vertheidigen und herzustellen auf demeinzig ritterlichen Wege. Ich bedauere, daß diese grund-sätzliche Verschiedenheit unserer Anschauungen im vorausschon zwischen uns Beiden nähere Beziehungen verhindert."In eisiger Höflichkeit schieden wir," schloß Eid seinenBericht, und erhob sich/-und langsam rückwärts nach derThüre sich bewegend, sagte er:Und nun begreifst Du,daß ich auf einige Zeit weg muß von hier. Ich reiseheute Nachmittag auf ein paar Wochen zur Kur in dieBerge. Behüt' Dich Gott !" Er ging und kam nach vierWochen wieder, in ruhiger, beinahe heiterer Stimmung,aber wie wenn er um zehn Jahre älter geworden wäre.Ich muß doch dem alten Rittmeister recht dankbar sein,"erklärte er mir nach der ersten Begrüßung,denn jetztweiß ich deutlich, was unser Herrgott mit mir vorhat.In den Bergen, in der Natur habe ich seine Stimmeverstanden. Mit dem Arzte und dem Professor ist esnichts, ich soll hinaus als Missionär!" Das andere,