Ausgabe 
(23.10.1894) 86
Seite
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lieber Freund, weißt Du. Du hast ihn ja seinerzeit zurBahn mitbegleiten helfen, als er sich anschickte, uns wohlfür immer zu verlassen. Du kannst Dir jetzt auch erklären,warum ich zuvor so nachdenklich ward undträumte",wie Du sagtest, als ich aus Deinem Munde von jenemDuelle erfuhr. Ich erinnerte mich dessen, was der Er-schossene einst zu Eid gesagt hatte, dessen, was er ver-stand unter demeinzig ritterlichen Wege", auf dem alleinin vollkommener Weise die beleidigte Frau und Tochterbeschützt werden könne. Er ist auf diesem Wege als derUnschuldige gefallen, sein Untergang hat seine Frau ge-tödtet und seine Tochter ist auf diesemeinzig ritterlichenWege" zur verlassenen Waise geworden!"

Es entstand abermals eine stumme Pause. Wirgriffen mechanisch nach unseren Gläsern und Zigaretten,auf die wir ganz vergessen hatten. Die Zeiger der Uhrwaren weit vorgerückt. Die Stimmung unter den Gästenschien sich dem Zenith ihrer Lustigkeit zu nähern, Gläserfielen gellend auf dem Boden in Scherben, hie und daversuchte Einer laut zu singen, ward aber immer baldvon seinem Nachbar beschwichtigt. Am Büffet wurde ge-räuschvoll mit Tellern und Bestecken geklappert, die Kell-nerinnen waren stets auf dem Wege. Uns Beiden behagtees nicht mehr, Einer sah es dem Andern an. Wir trankenstill unsere Neige, der Rechtsanwalt beglich seine Spendeund in geheimem Einverständnisse erhoben wir uns zu-sammen und verließen den Raum.

Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein,"sagte mein Freund, als wir wieder im Lichtkreise derLaterne standen. Der Ton seiner Stimme klang abernicht so unbefangen wie ehedem. Schwarze Wolken warenam Horizont aufgestiegen und von Zeit zu Zeit wetter-leuchtete es. Eine ungemeine Schwüle herrschte. Als wiruns an der nächsten Straßenecke trennten, reichte mirder Rechtsanwalt die Hand mit den Worten:Pie Ge-schichte hat mich tief ergriffen. Ich werde länge nichtschlafen können. Und morgen soll ich mit dem Frühzugefort nach T. zu einem Termin. Will sehen, wie das geht.Gute Nacht, mein Lieber!"

Ich wandelte einsam die lange, grabesstille Haupt-straße entlang, immer noch unter dem Banne des Ge-hörten., Eine Sternschnuppe flammte am Himmel hinabund erlosch, eine zweite, eine dritte. Wie's wohl ihmin Afrika geht? Zwei Offiziere schritten an mir vorüber,als ich an meiner Wohnung stand. Sie sprachen an-scheinend vom Duelle des Rittmeisters.Das arme Mädeldauert mich eigentlich," schnarrte halb gähnend der Eine.

Lange lag ich schlaflos. Von Zeit zu Zeit glitt dergelbe Schein einer Droschkenlaterne im Vorüberfahren überdie Hintere Wand des Zimmers wie ein Gespenst. Erzitterte über Bilder, alte Studentenmützen, Mss die großePhotographie Cids darunter, dann über die Lehnen derStühle. Darauf ward es wieder ffunkel und still. GegenMorgen umfing mich ein bleierner Schlummer. Im Traumeglaubte ich einmal Eid in arabischem Kostüme in weiter,dämmeriger Ferne davonschreiten zu sehen, um seine Füßeauf dem Boden leuchtete ein Regenbogen. Ich wollte zuihm, kam aber nicht in die Höhe. Ganz abgespannt er-wachte ich spät am Morgen. Meine Frau wartete bereitsgeraume Zeit mit dem Frühstücke auf mich im Garten.Als ich mich niedersetzte, trabte gerade außen eine Schwadronvorbei, der Kondukt für die Ueberführung der Leichen desRittmeisters und seiner Gattin in die Familiengruft zuS. Meine Frau reichte mir die Morgenzeitung über den

Tisch und verwies mich betrübt auf ein Telegramm:London , den 13. September. Wie die AbendausgabederTimes" meldet, besteht kein Zweifel mehr, daß dieblühende Missionsstation in Erku mit ihren Insassen vonden aufständischen Arabern gänzlich vernichtet worden ist."

Das Papier entsank meinen Händen. Eid, armerEid! Verglüht in Deinem Feuergeiste wie der gestrigeTag! Der Rittmeister, der Missionär zwei Soldaten,zwei Todte, jeder auf demeinzig ritterlichen Wege"seiner Ehre. -

Papa," rief mein Erstgeborener,gelt, der OnkelEid bringt mir einen lebendigen Elephanten mit, wenner kommt an Weihnachten?"

Ein leichter Morgenwind, kühl wie der Odem auseiner Gruft, wehte in dem Augenblicke durch' das Ge-zweige unserer Laube, und ein Schauer thaubethränten,todten, gelben Laubes rieselte auf uns herab. Ein pur-purfarbenes' Blatt der wilden Rebe lag roth wie eineBlutlache auf dem weißen Linnen des Tisches.

-I«»!-

Haupeltshofen.

(Mit Bild.)

Haupeltshofen, Dorf in Schwaben , zur PfarreiAletshausen, Bezirksamts Krumbach , gehörig, mit circa200 Einwohnern und einer Wallfahrtskirche. Die aufletztere bezüglichen historischen Nachrichten sind sehr spär-lich. Als sicher ist Folgendes anzunehmen: Marquardvon Freyberg, Kanonikus der Domstifte Salzburg, Eich-stätt und Augsburg , erbaute am Anfang des 17. Jahr-hunderts die Kapelle aus eigenen Mitteln und stellte inderselben ein von Rom mitgebrachtes, gegenwärtig nochbestehendes Marienbild auf, welches eine Kopie des inder Kirche Naria. ranAAiors daselbst befindlichen Ori-ginals ist. Diese Kapelle, mitten im Walde befindlich,wurde bald aus der Nachbarschaft zahlreich besucht, unddas Vertrauen der Gläubigen zur Himmelskönigin fandin den verschiedensten Anliegen seinen Lohn durch auf-fallende Gebetserhörungen. So kam es, daß sich baldeine vollkommene Wallfahrt ausbildete und die Kapellenamentlich an den Frauenfesten die Masse des zusammen-strömenden Volkes nicht mehr fassen konnte. BischofHeinrichvon Augsburg, aus dem Geschlechte Knöringen , bewilligtedaher auf Ansuchen des noch lebenden Stifters unter'm14. August 1623, daß an diesen Tagen der Gottesdienstim Freien abgehalten werden durfte. Am Tage MariäMagdalenä 1672 kündete Pfarrer Bücher von Aletshausen auf das kommende Fest Maria Himmelfahrt einen voll-kommenen Ablaß an, den er von Rom aus für die KircheHaupeltshofen auf 7 Jahre erlangt hatte. An diesemFeste haben mehr als 1000 Personen die hl. Sakramenteempfangen. Ja selbst ihre Trauung ließ?n manchmalPersonen höherer Stände in der Gnadenkapelle vollziehen,wie denn am 26. April 1701 Franz Albert Baron vonFreyberg mit Maria Theresia von Melden hier getrautwurde. In diese erste Zeit des Bestehens der Wallfahrtmag auch ein Ereigniß gefallen sein, das im Volksmundenoch in folgender Weise erzählt wird:

Die Tochter einer Adelsfamilie aus Sachsen warvon einem bösen Geiste besessen und hatte von demselbenvieles zu dulden. Nachdem schon alle Mittel zur Heilungversucht worden, wurde ihr einmal im Traume bedeutet,daß sie nur allein bei dem Gnadenbilde in Haupeltshofenvon ihrem Uebel befreit werden könne. Niemand wußte