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selbst, liegt nun in seinem Blute und sein mächtigesKriegsheer ist vor den Streitern des Judas entflohen!"
„Der Herr der Heerschaaren sei gepriesen," riefHadassah, „aber erzähle uns von dem Kampfe, meinSohn." Dabei nöthigte sich Abischai , an ihrer SeitePlatz zu nehmen, so daß er Lycidas den Rücken zu-kehren mußte.
Der Jude setzte sich so nahe an den Griechen, daßdie Fallen seines Oberkleides den Mantel berührten,unter welchem Lycidas zusammengekauert lag. WennAbischai seine Hand nur um einen Zoll breit weiter be-wegte, mußte er fühlen, daß ein warmer lebender Körperunter den Ziegenhaarstreifen sich verborgen hielt.
„Wie Deine Wangen die Farbe wechseln, Kind,"rief Abischat, indem er mit Erstaunen seine Nichte be-trachtete, welche, als sie in der offenen Thür stand,weder ihren Schrecken verbergen, noch das Zittern ihrerKniee verhindern konnte. „Du hast keine Ursache zurBesorgniß, Makkabäus ist nicht einmal verwundet.Apollonius begegnete ihm im Kampfe und fiel durch seineHand. Hinfort wird Judas , wie man sagt, das Schwertselbst benutzen, daß er dem besiegten Syrer abnahm."
Sarah hörte kaum die an sie gerichteten Worte.Der Gedanke an die Gefahr des Atheners schloß alleanderen auS. Sollte irgend eine Bewegung von ihmseine Gegenwart ihrem fanatischen Oheim verrathen, sowußte sie, daß sein Schicksal besiegelt war. DennLycidas war noch viel zu schwach, um mit der ent-ferntesten Aussicht auf Erfolg sich selbst zu vertheidigen,und seine liegende Stellung machte ihn obendrein nochäußerst hilflos.
Hadassah betrachtete ängstlich Sarah's Gesicht undlas in ihrem Herzen die sie beschäftigenden Gedanken.Da sie fürchtete, daß das Mädchen dort, wo sie stand,in Ohnmacht fallen könnte, trat sie zu ihr und bat sie,näher zu kommen, und sich zu ihren Füßen zu setzen.Sarah gehorchte und trug Sorge, nahe genug zu sein,um nöthigen Falles seine Kniee umfassen zu können undmit ihrer geringen Kraft seine Bewegungen zu hindern,die Anwesenheit des Griechen zu entdecken.
„Judas hat unserem Geschlechte große Ehre ge-macht!" rief Abischai begeistert, welcher der Erregungseiner Nichte einen ganz anderen Grund als den wirk-lichen beilegte. „In seinen Thaten gleicht er demLöwen, er hat die Bösen aufgescheucht und verfolgt, erhat die Götzen zerstört, ihre Altäre niedergeworfen undden Zorn von Israel abgewendet."
„Er ist ein mächtiges Werkzeug in der Hand desHerrn," bemerkte Hadassah.
„Ist er nicht mehr?" rief Abischai , noch erregterwerdend. „Sollte die Zeit der großen Erlösung nochnicht gekommen und der große Erlöser noch nicht unteruns sein, von dem geschrieben steht: „Mein Arm mußtemir helfen, und mein Zorn enthielt mich. Ich habe siegekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinemGrimm. Das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist ge-kommen." Wilde Hoffnung blitzte auS den Augen desEbräers, als er dies sagte und, von seinem Sitz sicherhebend, hoch aufgerichtet vor den Frauen stand.
„Schäme Dich, Sohn des Nathan", entgegnete ihmHadassah mit Würde, „Du sprichst wie einer, der dieSchriften der Propheten nicht kennt. Er, der da kommensoll, der Messias, ist vom Stamme Juda und nicht vondem des Lcvi, soll zu Bethlehem geboren werden und
nicht zu Modin; auch sind die von Daniel geweissagtenJahrwochen noch nicht verflossen. So wisse nur undmerke: „Von der Zeit an, so ausgehet der Befehl, daßJerusalem soll wiedererbaut werden, bis auf Christum ,den Fürsten , sind sieben Wochen und zweiundsechzigWochen", die Zeit ist noch nicht gekommen."
Die wilde Erregung des Abischai verschwand vordem Tadel jemandes, der ihm an Wissenschaft undgeistiger Kraft ebenso überlegen war, wie er sie anphysischer Kraft übertraf. Er war beschämt, als er sichder Unwissenheit und Unkenntniß der Heiligen Schriftüberführt sah. „Du weißt, Hadassah, daß ich vonJugend an ein Mann des Schwertes und nicht desBuches gewesen bin; auch kann ich nichts lesen, wennich auch wollte. Du weißt, daß Antiochus unsereheiligen Schriften, um sie zu vernichten oder zu ver-unreinigen, gesucht hat, ausgenommen die Abschriften der-jenigen, die ich gelegentlich im Hause des AeltestenSalathiel sehe, wenn wir dort heimlich zusammenkommen,um Gott am Sabbathtage anzubeten. Sonst kommt mirnicht einmal eine Rolle des heiligen Wortes vorGesicht." (Fortsetzung folgt.)
t "V"
Dativs , ein Kurort für Lungenleidende.
Von G. Welsch.
(Mit Illustration.)
--- (Nachdruck verboten.)
Im Februar 1895 waren es 30 Jahre, seit diebeiden ersten Kurgäste in dem entlegenen, einsamen Ge-birgsdorfe Daoos ankamen — zwei schwer erkrankte,schwindsüchtige Deutsche — von denen der eine noch heuteals Hotelier daselbst lebt und sich einer trefflichen Ge-sundheit erfreut. Seitdem hat sich Davos als Kurortfür Lungenkranke einen Weltruf erworben. Nichtsdesto-weniger herrschen über Davos , seine Lage und sein Klimavielfach, selbst unter Aerzten, ganz irrige Ansichten. Weiles ein Winterkurort für Lungenkranke ist, sucht man eSim Süden, oder glaubt doch, daß es ein südliches Klima,etwa wie die Kurorte am Genfcrsee, habe. Beides ist,wie aus dem Nachfolgenden zu ersehen, falsch. Davos liegt im schweizerischen Kanton Graubünden , und zwarin dem nördlichen, deutsch redenden Theil dieses sprach-lich gemischten Kantons, in dem auch die italienische undromanische Sprache gesprochen wird. Die bequemste Reise-route führt von Bayern her über den Bodensee nach demschön gelegenen schweizerischen Hafenstädtchen Rorschach ,von hier per Bahn auf der Linie Rorschach-Chur dasschöne Rheinthal aufwärts durch St. Gallisches Gebiet,vorüber an dem Fürstenthum Liechtenstein und den be-rühmten Badeorten Ragatz und Pfäffers nach Landquart .Hier zweigt die schmalspurige Landquart -Davoser-Bahnab, jetzt rhättsche Bahn genannt, welche durch das reizendePrättigau in scharfer Steigung, jedoch ohne Zahnrad, ineine großartige Gebirgslandschaft führt. Bei der StationWolfgang erreicht sie den Höhepunkt mit 1632 m. überdem Meere. Von hier aus geht es wieder mäßig ab-wärts, vorüber an dem fischreichen Davoser See nachDavos -Platz, dem Endpunkt der Bahn mit einer Schienen-höhe von 1560 w. über dem Meere. Diese Bahn, welchedie Strecke von 51 Lm. in nicht ganz 3 Stunden zu-rücklegt, ist die höchstgelegene Adhäsionsbahn Europas mit Jahresbetrieb.