Ausgabe 
(7.4.1896) 29
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seilbahn gebaut und dann von dort aus eine Schlittel-bahn ins Thal herab erstell! werden.

Wenn im Frühjahr der Schnee zu schmelzen be-ginnt und so dem winterlichen Sport ein Ziel gesetztwird, dann leeren sich rasch die englischen Quartiere, undauch den meisten anderen Kurgästen lassen die Berichteaus der Heimath über das frische Grün der Wiesen unddie knospenden Bäume, Büsche und Blumen keine Ruhemehr; sie kehren dem Davoser Hochthal, in dem derWinter sein Scepter viel länger schwingt, den Rücken undeilen hinab in die heimischen Thäler und Ebenenleider oft zu ihrem größten Schaden, wenn die Heilungnoch nicht vollständig, die Gesundheit noch nicht genügendgestärkt ist, um das weniger gesunde Klima des Tief-landes zu vertragen, wo im Frühjahr trotz des bestechen-den Grüns der neu erwachenden Natur vielfach recht böseWinde wehen. Alle Vorstellungen des Arztes sind meistnutzlos, und nach wenigen Monaten, oft schon nach Wochen,tritt Husten und Auswurf mit erneuter Heftigkeit auf, undbald ist wieder verloren, was im Winter mit vielen Kostenund Opfern gewonnen worden, während ein geduldigesAusharren vielleicht gänzliche Heilung gebracht hätte.Wie viele Kranke müssen alljährlich schwer büßen fürdiese ihre vorzeitige Abreise, die eine Folge ist von ihrerUngeduld und von dem alten Vorurtheil, daß Davos imSommer zu heiß sei. Und doch ist nichts unwahrer alsdas. Allerdings bietet das Davoser Hochthal wenigSchatten, da der Wald erst an den Bergabhängen be-ginnt und viele Kranke nicht steigen können oder sollen,sich also mit Spaziergängen in der ebenen Thalsohle be-gnügen müssen; allein die Hitze wird nie so lästig wieim Tiefland, da sie durch einen sanften Thalwind an-genehm gemildert wird, und namentlich sind die Morgen,Abende und Nächte auch im Hochsommer stets kühl. Dielästige, drückende Schwüle, die im Tieflande selbst ge-sunde Menschen in den Hochsommernächten am Schlafenverhindert, ist in Davos unbekannt. Zudem fällt auchim Sommer des öfteren Schnee, und zwar nicht bloß aufden Bergspitzen, sondern auch in der Thalsohle; keinMonat des Jahres ist hier schneefrei. Schreiber dieserZeilen hat in den Monaten Mai, Juni, Juli und Augustoftmals das ganze Thal mit einer dichten Schneedeckebedeckt und auch die Heuschober einmal zugeschneit ge-sehen. Meist schon am zweiten Tag abends geht in dieserHöhe auch im Hochsommer der Regen in Schnee über.Auf den Schneefall folgt wieder das herrlichste Wettermit einer unvergleichlich klaren, würzigen Luft, und in610 Stunden hat die Sonne den Schnee wieder aufdie Berge zurückgedrängt. Daß Davos im Sommer zuheiß sei, kann also nur der behaupten, der noch keinenSommer dort zugebracht hat. Thatsächlich sind auch jedenSommer 600700 Kurgäste anwesend, während imWinter gleichzeitig über 2000 sich daselbst befinden.

Im Interesse seiner Leidensgenossen, denen etwadiese Blätter zu Gesichte kommen sollten, glaubte derSchreiber dieses kleinen Aufsatzes vorstehende Bemerkungenüber den Davoser Sommer und über zu frühe Abreisemachen zu sollen. Diese Ausführungen sind das Resultatmehrjähriger Beobachtung. Wie die Furcht vor dem heißenDavoser Sommer viele Kranke zu vorzeitiger Abreise ver-führt, so veranlaßt sie andere, obwohl die Krankheit schonim Frühjahr oder Sommer zum Ausbruch kommt, docherst im Winter nach Davos zu kommen, wenn die Krank-heit bereits unheimliche Fortschritte gemacht hat. Aller-

dings kann in dieser Beziehung auch vielen Aerzten einVorwurf nicht erspart bleiben: sie schicken ihre lungen-kranken Patienten zu spät fort. Die Fälle sind nicht selten,daß Kranke schon halbtodt in Davos ankommen und dannin der ersten Woche, ja selbst am Tage ihrer Ankunftsterben. Je länger man zuwartet, je vorgeschrittener dasLungenleiden ist, desto unwahrscheinlicher wird die Heil-ung, desto mehr Zeit nimmt sie in Anspruch. Wer da-gegen rechtzeitig nach Davos kommt, braucht sich durchdie unheimliche DiagnoseLungenschwindsucht" nicht denMuth benehmen zu lassen. Diese schreckliche Krankheitist heilbar, und es ist unbestreitbare Thatsache, daß dasDavoser Hochthal hiezu besonders geeignet ist und daßin Davos ein stattlicher Prozentsatz der Kranken geheiltund ihm die Rückkehr zu seiner ehemaligen Beschäftigungermöglicht wird. Freilich ist ein solcher Erfolg bei diesergefährlichen Krankheit nicht in wenigen Wochen oder Mo-naten zu erreichen, sondern verlangt oft mehrere Jahre.Sehr viele von denen, die im Davoser Gebirge die ge-suchte Heilung nicht finden, gehören zu jener bedauerns-werthen Klasse, denen entweder die nöthige Geduld oderdie nöthigen Mittel zu genügend langem Aufenthalt fehlenoder die durch eigene oder des Arztes Schuld gar zuspät dieses Hochthal aufsuchen. Zum Schlüsse sei noch er-wähnt, daß der Aufenthalt in Davos für Wohnung undKost ohne Getränke pro Tag auf 612 Franken (1 Fr. 80 Pf.) zu stehen kommt, je nach Größe und Lagedes Zimmers. Südzimmer sind bedeutend theurer alsNord-, Ost- und Westzimmer. Einfache Leute können inPrivathäusern auch mit weniger als 6 Franken aus-kommen ; wer mehr Ansprüche macht, muß in den feinerenHotels auch 16 und mehr Franken bezahlen. Im Sommersind die Preise billiger als im Winter. Sowohl diegroßen Hotels wie die zahlreichen Privatpensionen sindfür den Aufenthalt von Schwerkranken gut eingerichtet.Für Katholiken, namentlich für alleinstehende junge Leutesei noch besonders hingewiesen auf das Haus der kathol.Schwestern, wo man bei mäßigen Preisen eine gute Ver-pflegung und die liebevollste Krankenhtlfe findet. DieseSchwestern pflegen auch Kranke in den Hotels und denübrigen Häusern und erfreuen sich auch bei Anders-gläubigen einer ausnehmenden Beliebtheit, die sie durchihre aufopfernde Hingabe an ihren schweren Beruf auchredlich verdienen. Möge der Himmel alle Leser diesesBlattes vor der Nothwendigkeit, als Kurgast nach Davos zu kommen, gnädig bewahren! Wer aber bedauerlicherWeise doch in diese Lage kommen sollte, dem sei voneinem Leidensgenossen der gute Rath ertheilt, rechtzeitigzu kommen und nicht vorzeitig abzureisen, dann wird sichauch an ihm die Heilkraft dieses eigenartigen Hochthalesbewähren.

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Allerlei.

Ein neuer Maßstab. A.:Es dürfte Ihnenaber doch schwer werden, zu beweisen, daß die Mäßigkeitwirklich so zunimmt."B.:O gar nicht! SehenSie, ich geh' fast jeden Tag mit diesem alten Hut in'sBräuhaus, finde aber niemals einen so betrunken, daßer meinen alten Hut mitnimmt und einen bessern dafürstehen läßt."