Ausgabe 
(10.4.1896) 30
Seite
221
 
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M 30. AreiLag, den 10. April 1896.

Für die Redaction verantwortlich: Vr. Theodor Müller in Augsburg . ^ .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

Audas Makkaöäns,

Historischer Noman von A. L. O. E.

Frei nach dem Englischen von D. Colonius.

(Fortsetzung.)

Ich habe eine vollständige Abschrift der Psalmenund Propheten und bin dabei, noch eine davon zunehmen," entgegnete Hadassah, indem sie unwillkürlichden Ton ihrer Stimme dämpfte und dabei einen un-ruhigen Blick nach der Thür warf.

Ein edles, aber gefährliches Werk!" rief Abifchai.

Geh' und steh', mein Sohn, den Weg entlang,rechts und links, ob etwa ein Heide in der Nähe sei,"gebot Hadassah, indem sie nach der Thüre wies.Wennkein Feind zu sehen ist, will ich Dir den heiligen Schatz,den ich hier mit Gefahr meines eigenen Lebens ver-borgen halte, zeigen."

Abischai verließ sogleich das Gemach, die Thürhalb hinter sich schließend.

Nun, Lycidas! o beeile Dich!" rief Sarah mitängstlichem Flüstern. Sie fürchtete, daß die Gelegenheitznm Rückzüge, welche Hadassah gegeben hatte, durch dieVerzögerung eines Augenblickes verloren gehen könne.

ES war nicht nöthig, diese Aufforderung zu wieder-holen, denn LycidaS zog sich augenblicklich hinter seinenVorhang, zurück und die ebräischen Frauen konnten wiederfrei aufathmen. Sarah warf einen vor Freudeglänzenden Blick auf Hadassah, bekam aber kein Lächelnzur Antwort. Die Züge der Wittwe trugen einentraurigen, fast unwilligen Ausdruck, dessen AnblickSarah's sanftes Herz mit banger Qual erfüllte. Washatte sie gethan, daß ihre ehrwürdige Verwandte sie indieser Weise ansah? Hatte sie sich in irgend einer Weiseunschicklich benommen? Sie hatte den Heiden beiseinem Namen genannt, sollte sie sich etwa dadurchHadassah's Mißfallen zugezogen haben? Als sie sichdiese Fragen vorlegte, überzog Purpurröthe ihre Wangen.Sie wußte kaum, was diese peinliche Verlegenheit, diesie empfand, verursacht hatte. Sie erschien sich selbstwie jemand, der auf etwas Bösem ertappt worden ist,und doch machte ihr Gewissen ihr nicht den leisestenVorwnrf hinsichtlich ihres Betragens gegen den Gastihrer Großmutter. Sie fühlte sich so unbehaglich, daßsie bei Abischais Rückkehr nicht blieb, um die Unter-haltung zwischen ihm und Hadassah mit anzuhören,sondern lieber die Außentreppe znm Dache des Hauses

hinaufstieg, wo sie, auf dem flachen Dache sitzend, mitdem schönen blauen Himmel über sich, über das ge-fährliche Interesse, welches sie für den fremden Heidenempfand, nachdenken konnte.

11. Kapitel.

Tiefe Dinge.

Als Abischai in Hadassahs Wohnung zurückkehrte,fand er sie beschäftigt, aus einem Behältniß der Wandeine lange Rolle Pergament zu ziehen, welche mit hebrä-ischer Schrift von innen und außen bedeckt war. DieMatrone drückte sie ehrfurchtsvoll an ihre Lippen undsetzte sich dann, indem sie die heilige Rolle auf ihrenKnieen ausbreitete.

Abischai betrachtete mit Hochachtung, ja mit tieferEhrfurcht eine Frau, der die Gabe der Weisheit unddes Muthes verliehen war, einen so großen Theil derVerheißungen Gottes abzuschreiben. Er fühlte, was Barockfür Deborah gefühlt haben mußte, als er an die Wandgelehnt stand und mit ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit denWorten dieser Mutter von Israel lauschte.

Diese Schriften, mein Sohn, sind mein Studiumbei Tag und mein Nachdenken bei Nacht gewesen, undsehr ernstlich habe ich gesucht, durch Fasten und Betenihren tiefen Sinn hinsichtlich dessen, der da kommen soll,zu erhäschen, was die Erkenntniß anbetrifft, noch einKind, doch kann es ja dem Allweisen gefallen, auch einemKinde etwas zu offenbaren. In dieser letzten Zeit habeich oft ein Wort gefunden, welches in riesengroßen Buch-staben in der Natur, in der Geschichte, in dem Gesetzund in den Propheten geschrieben stand. Dieses eineWort heißtOpfer". Wohin ich blicke, sehe ich eL, undes erscheint mir, wie das Gesetz des Seins, ja, wie dasWesen der Religion selbst."

Ich verstehe Dich nicht", warf Abischai ein,wieist das WortOpfer" in der Natur geschrieben?"

Sehen wir es nicht in allen Dingen um uns her?"versetzte Hadassah.Stirbt nicht der Same, damit dasKorn auflaufe? Ernährt nicht das verwesende Blatt dielebende Pflanze? Es ist da ein geheimes Leiden in dieserschönen Welt, welches uns böse erscheint, obwohl einallgütiger Gott es immer zum Guten führt. Diese Dingebekümmerten und verwirrten mich, bis ich durch GottesFinger das WortOpfer" matt und dunkel auf seinenWerken geschrieben fand. Tod ist der Vater des Lebens,der Sorge, des Kummers und der Freude."