Ausgabe 
(10.4.1896) 30
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Dunkel und umhüllt", murmelte Abischat, demHadassahs Ansichten über diesen Gegenstand phantastischund unbestimmt erschienen.

Ja, in der Natur und in der Geschichte", fuhrdie hebräische Frau fort,aber die Linien sind klar undbestimmt in unserem heiligen Gesetz. Warum haben seitder Zeit des Sündenfalles zahllose Opfer fallen müssen?Warum war das sterbende Lamm dem Herrn angenehmerals das blutlose Opfer des Kain? Warum haben Tau-sende von schuldlosen Creaturen auf dem Altar Gotteshingeschlachtet werden - müssen? Nein, nicht auf demseinen allein, selbst auf den Altären der Heiden, dieniemals feinen Namen gehört haben, wird geopfert, alsob der Seele des Menschen ein tiefer Instinkt eingepflanztworden, daß es ohne Blutvergießen keine Erlösung gibt.Können wir glauben, daß der Allmächtige am Tode derOchsen oder der Ziegen Gefallen finde? Und dennochhat er es befohlen, zu opfern und zu leiden, sich zuunterwerfen und ihm ein Leben für ein anderes alsLösegeld zu geben. Diese Idee durchdringt das ganzeGesetz, das Moses gegeben, und auch schon lange vorMoses' Zeiten erschien Gott dem Abraham, Noah, Abelals ein Opfer verlangender Gott."

Ich gebe zu", antwortete Abischai ,wenn einMensch in dem Auge seines Schöpfers schuldig ist, mußein Opfer für seine Sünden gebracht werden, so langedie Welt steht."

Das Licht einer heiligen Eingebung glänzte inHadassahs Augen, und die Worte, die ihren Lippen ent-strömten, schienen nicht ihre eigenen zusein:Wenn nunalle diese Opfer auf ein großes hindeuten, wenn dastiefe Geheimniß des Leidenmüssens nur auf ein tieferesder Liebe hinzielte, wenn Gott selbst für den Stell-vertreter sorgte und auf einem Altar Blut vergossen würde,wilches für vergangene und kommende Sünden genügte?Kann es, ja muß es nicht so sein, wenn wir die Schriftrecht verstehen?"

Ich kann Deine Meinung nicht errathen", sagteAbischai .

Was steht hier von dem kommenden Messias ge-schrieben?" fragte Hadassah, indem sie mit ihrem ernsten,forschenden Blick ihren Neffen ansah, während ihre Handauf die Rolle der Prophezeiung hinwies.

Daß er regieren wird die Völker mit eisernemStäbe und sie zerschmeißen wie eines Töpfers Gefäß!"rief Abischai frohlockend.Wird er nicht Messias, derFürst, genannt?"

Der geopfert wird, aber nicht für sich selbst", ant-wortete Hadassah in leisem, eindringlichem Ton, derAbischai stutzen und mit Erstaunen aufblicken ließ.Du",fuhr sie fort,siehst in dieser Prophezeiung mit hellenBuchstaben den Fürsten geschrieben, ich erblicke in denSchatten der Buchstaben vertieft das Opfer heraus. Sieh'hier!" bei diesen Worten öffnete die Wittwe die Rolle,bis ihr Finger auf den zweiundzwanzigsten Psalm deutenkonnte,was meint dieser Ausruf tiefen, geheimnißvollenKummers:Mein Gott, mein Gott, warum hast DuMich verlassen?"

Es ist Davids Angstruf", sagte Abischai .

Siehe weiter, mein Sohn, dringe tiefer ein inden Gegenstand!" rief Hadassah, indem sie fortfuhr, dieWorte der Verheißung zu lesen.Der Bösen Rotte hatsich um mich gemacht, sie haben meine Hände und Füßedurchgraben. Alle meine Gebeine sind zertrennt. Sie

aber schauen und sehen ihre Lust an mir. Sie theilenmeine Kleider unter sich und werfen das Loos um meinGewand." Diese Dinge sind dem David nie begegnet,der Psalmist spricht hier nicht von sich selbst."

Von wem sollte er denn sprechen?" fragte Abischai verwirrt hineinschauend,doch sicherlich nicht von demMessias, nicht von dem Weibessamen, der der Schlangeden Kopf zertreten soll."

Warum nicht?" entgegnete Hadassah,wenn ersieht, daß er selbst im Kampf vernichtet wird. Wennda geschrieben steht:Mein Knecht wird weislich thunund wird erhöhet und sehr hoch erhoben sein;" so liegtder Schatten dicht unter dem Licht; es ist ferner ge-schrieben:Seine Gestalt ist häßlicher, denn andererLeute, und sein Ansehen denn der Menschen Kinder."Und warum?Denn also wird er viele Heiden besprengen."Es mag sein mit seinem eigenen Blut!"

Deine Gedanken sind sonderbar", murmelte derSohn des Nathan.

Es sind nicht meine Gedanken", versetzte Hadassah.Sieh weiter in der Rolle, was dem Jesaia offenbartwurde. Klingt dies etwa wie ein Triumph?Es warder allerverachtetste und unwertheste, voller Schmerzenund Krankheit; er war so verachtet, daß man das An-gesicht vor ihm verbarg. Darum haben wir ihn nichtgeachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und ludauf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn fürden, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartertwäre. Aber er ist um unserer Missethaten willen ver-wundet und um unserer Sünden willen zerschlagen. DieStrafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, unddurch seine Wunden sind wir geheilet. Wir gingen allein der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinenWeg, aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen,da er um die Missethat meines Volkes geplagt war."Haben wir hier nicht das Opferlamm, gebunden aufdem Altar, blutend, verwundet, sterbend, und das allesnicht für seine eigenen Sünden leidend?"

Es kann nicht sein, es ist unmöglich, daß derMessias, wenn er kommt, verachtet und verstoßen seinsoll", rief Abischai , dem diese Auslegung der Weissagungebenso neu als unwillkommen war.Wenn er kommt,soll ganz Israel sich freuen und seinen König, den Be-herrscher der Welt, willkommen heißen!"

Hadassah rollte das Pergament weiter auf, bis siean das dreizehnte Kapitel des Sacharin kam.*)

Höre auch dieses, Sohn des Nathan", sagte sie:Schwert, mache dich auf über meinen Hirten und überden, der mir der Nächste ist, spricht der Herr Zebaoth."

Wer ist sein Nächster?" warf Abischai mit Er-staunen ein, chenn von diesem Theil der Schrift hatteer nie gehört.Stände das nicht in Gottes Wort, sowäre es Lästerung, auch nur zu denken, daß der HerrZebaoth einen Nächsten haben sollte."

Es ist ein Geheimniß in jedem Wort, das einMensch nicht fassen kann!" rief Hadassah.Das gött-liche Wesen ist eins. Der Grund unseres Glaubens istdie feierliche Erklärung:Höre, Israel, der Herr, unserGott, ist ein einiger Herr." Und doch liegt in diesernämlichen Erklärung der Gedanke der Einigkeit mitUnterscheidung von Personen."

> *) Natürlich war damals die hebräische Rolle noch nicht inKavitel eingetheilt.