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„Hadassah, Hadassah, in welcher Wildniß von Ketzereiwanderst Du!" rief Abischai .
Die Wittwe schien ihn nicht zu hören, sondern fuhr,wie laut denkend, fort: „Niemand hat Gott je gesehen;er selbst hat erklärt: „Kein Mensch soll mich sehen."Aber wer erschien denn sichtbar dem Abraham? Werwar es, der mit Jakob rang? Wer sprach mit Gideon?Und wessen Glanz wurde Jesaia beschieden zu schauen?Wer wurde wandernd im feurigen Ofen gesehen? Werwar es, der da kam in des Himmels Wolken, gleich einesMenschen Sohn bis zu dem Alten?"
„In einem Augenblick betrachtest Du den Messiasals Opfer, im nächsten als Gott!" rief der Ebräer.
„Wenn Gott Willens wäre, menschliche Gestalt an-zunehmen, menschliche Schuld zu tragen, menschlichenTod zu erdulden, müßte er dann nicht beides sein?"fragte Hadassah.
Als sie sah, daß Abischai bei dieser Frage stutzte,deutete sie aus den Theil der Rolle, welche die Weissagungdes Jesaia enthielt, und las laut: „Uns ist ein Kindgeboren." — „Hier ist klar eine Anzeige menschlicherGeburt, doch wird dieses Kind uns offenbart als derMächtige Gott, Ewigvater, Friedefürst."
„Solche Gedanken sind zu wunderbar und zu hoch,als daß ein Mensch sie fassen könnte", rief Abischai stirnrunzelnd. „Das schwache Gefäß muß zerspringen,wenn solch heißes, geschmolzenes Gold hineingeworfenwird", fuhr er erregt fort. „Alles, was ich auf das,was du gesagt hast, antworten kann, ist dies: Ich glaubenicht — und werde niemals glauben, daß, wenn derMessias, die Hoffnung Israels, kommt, er von unseremVolke verworfen wird. Wäre es so, so würde auf Israelein entsetzlicher Fluch fallen, daß die ägyptische Geißel,die babylonische Gefangenschaft, die syrische Verfolgungnichts wären gegen die Schrecken, die Gottes gerechteRache über unser Volk bringen würde. Wir würdenzerstreut werden in alle Länder wie Spreu vor demWinde, bis —"
Abischat hielt inne, ballte die Faust, biß die Zähnezusammen, als ob die Sprache ihm fehlte, die äußersteVerlassenheit und das Elend zu beschreiben, welches einso furchtbares Verbrechen, wie die Verwerfung des Mes-sias, über die Nachkommen Abrahams bringen müßte.Da Abischai seinen Ausspruch nicht beendete, so thatHadassah dies für ihn.
„Bis", sagte sie mit verklärtem Angesicht — „bisJuda seine Missethat bereut und wieder umkehrt zu dem,der es nicht verleugnete. Höre, Sohn des Nathan, nochdiese eine Weissagung aus der Heiligen Schrift: Alsospricht der Herr: Ueber das Haus Davids und über dieBürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist derGnade und des Gebets, denn sie werden mich ansehen,welchen jene zerstochen haben; und werden ihn klagen,wie man klaget ein einziges Kind, und werden sich umihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind.Und der Herr wird König sein über alle Lande."
Abischai verließ die Wohnung der Hadassah mitganz verstörtem Gemüth, nicht willens, zuzugeben, daßdie Ansichten, die so ganz verschieden von seinen eigenenwaren, auf Wahrheit beruhen sollten.
Die Idee eines verachteten, leidenden, sterbendenMessias war über alle Maßen den inneren Gefühlen desHebräers widerstreitend.
„Sehet da ein Weib, welches ihre ganze Seele in
ein dunkles Studium versenkt hat", murmelte Abischai ,als er den Hügel hinabstieg. „Hadassah ist närrisch, ihrVerstand hat sie verlassen."
12. Kapitel.
Prüfungen des Herzens.
Zum ersten Male in ihrem Leben fürchtete Sarakeine Begegnung mit Hadassah. Obgleich die Jahreszei-soweit vorgerückt war, daß alles sich vor den Sonnen-strahlen zu verbergen suchte, weilte das Mädchen immernoch auf dem schattenlosen Dache. Während sie ihreStirn an die Brustwehr gelehnt hatte, blickten ihreAugen bekümmert nach Jerusalem . Doch ihre Seeleverweilte kaum bet den Gegenständen, auf welche ihrBlick gerichtet war. War es eine Vorahnung kommendenLeides oder ein Gefühl von Selbstvorwurf, worüber dasMädchen in ihrem Innern nachdachte? Sarah fürchtete,sich ihre Gefühle klar zu machen, sie wußte nur, daßihr das Herz sehr schwer war. Beinahe zwei Stundenwaren so vergangen; die Sonne hatte den Horizonterreicht und die Hitze war weniger drückend. Sarahhörte Hadassah mit leisen Schritten die Treppe herauf-kommen und stand auf, um ihr entgegen zu gehen,während sie sich einer gewissen Empfindung von Furchtnicht enthalten konnte. Die Erinnerung an jenen Blicktrauriger Unzufriedenheit hatte das Gemüth des gewissen-haften Mädchens beschwert. War Hadassah böse auf ihreEnkelin? War sie gekommen, um ein Herz zu prüfen,das seit ihrer Kindheit niemals ein Geheimniß vor ihrgehabt, und welches so voll kindlicher Achtung und Liebevor der Großmutter war? Sarah wagte nicht, ihreAugen zu denen Hadassah's, als sie derselben gegenüber-stand, zu erheben, da sie fürchtete, wiederum jenemernsten Blicke zu begegnen. Aber niemals hatte dasAntlitz der alten Frau einen Ausdruck größerer Zärt-lichkeit gezeigt, wie an jenem Abend, als sie ihre Enkelinauf dem Dach des Hauses traf. „Hast Du hier in derSonnenhitze gesessen, mein Täubchen, und Dein Hauptunverschleiert den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt?"sagte Hadassah zärtlich, nachdem sie einen Kuß auf dieStirn des Mädchens gedrückt hatte. „Ich muß Dichernstlich schelten, meine Sarah; setze Dich dort in denSchatten jener großen Palme, ich will mich neben Dichsetzen; wir wollen von den Siegesnachrichten sprechen,welche Abischai uns heute gebracht hat."
Es war ein großer Trost für Sarah, das dies derGegenstand der bevorstehenden Unterhaltung sein sollte.Sie blickte schüchtern zu dem Gesicht der Hadassah aufund nahm, über das, was sie in den Zügen ihrer Groß-mutter sah, vollständig beruhigt, ihren Lieblingsplatz zuden Füßen derselben ein.
„Ist es nicht augenscheinlich," nahm Hadassahdas Wort, „daß der Arm des Herrn über Juda aus-gestreckt ist, daß sein Segen mit Judas Makkabänsgeht? Freust Du Dich nicht, Sarah, über den Sieg,welchen unsere Helden erfochten haben?"
„Ich freue mich und danke Gott dafür," ant-wortete das Mädchen. „Ich hoffe, es kommt die Zeit,daß wir hinausgehen, gleich den Frauen Jsrael's inalten Zeiten, welche dem David und Saul nach demSiege über die Philister singend und tanzend ent-gegengingen."
„David machte sich, als er die Philister schlug unddie Hand der Königstochter gewann, um sein Vaterland