Ausgabe 
(10.4.1896) 30
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nicht verdienter als Judas Makkabäus, " bemerkteHadassah.Bist Du nicht stolz auf Deinen Verwandten,mein Kind?"

Ganz Judäa ist stolz auf seine Helden," ant-wortete Sarah.

Glücklich das Weib, welches er zu seiner Brauterwählen wird," bemerkte Hadassah.

Das Mädchen gab keine Antwort.

Sarah, warum soll ich Dir länger verhehlen, wasmeine Gedanken schon so lange beschäftigt?" fuhrHadassah nach einer Pause fort.Warum sollst Dunicht Kenntniß erhalten von der hohen Ehre, welchemeine Tochter erwartet? Von Deiner frühesten Kindheitan haben wir beide, Mattathias , unser ehrwürdigerVerwandter, über dessen Grab Friede walten möge, und ichgewünscht, in Zukunft Euch Beide, Dich, meine geliebteSarah, und Judas , zu vereinigen."

Judas! o nein, nein!" rief Sarah, indem sieplötzlich ihre zitternde Hand aus derjenigen ihrer Groß-mutter, in welcher sie so lange gelegen hatte, zog.Erist seinem Vaterlande verlobt, er wird niemals darandenken, ein Weib zu nehmen."

Diese Worte waren schnell und mit einiger Er-regung gesprochen.

Seine Arbeiten und Triumphe werden, wie ichfest glaube, zu künftigem Frieden führen," begannHadassah von neuem.Dann mag er sich an demGlück, das er so wohl verdient hat, erfreuen. WillstDu ihm dieses Glück nicht geben, meine Sarah, Du,deren NameKlarheit" bedeutet?"

Ich ehre Makkabäus als einen Helden, ich verehreihn als meinen Fürsten, ich könnte vor ihm knieen undden Staub von seinen Füßen waschen oder mein langesHaar abschneiden, um seinen Bogen damit zu spannen,aber ich kann nicht seine Braut werden!" rief Sarah,ich bin so unbedeutend und unwürdig. Es wäre gleich,als ob man den Adler mit dem Sperling, der dort aufder Hausspitze sitzt, verbinden wollte. Makkabäus istder edelste der Menschen."

Gesegnet das Weib, welches seinen Herrn soehren kann," sagte Hadassah.

Ich ehre Makkabäus aus der Tiefe meiner Seele,aber ich fürchte ihn," stammelte Sarah.

Wärest Du eine Syrerin, so hättest Du alleUrsache dazu," bemerkte Hadassah mit einem Versuche,zu lächeln,aber nicht als eine Tochter von Juda.Ist er auch den Feinden seines Vaterlandes gegenüberschrecklich und grausam gegen die bewaffneten Tyrannen,so hatte doch nie ein Mädchen Grund, Judas Makkabäus zu fürchten. Den Kaktus machen seine scharfen Dornenzu einer so dichten Umzäunung, daß sie der stärksteFeind nicht durchbrechen kann, und doch trägt er herr-liche Blumen und erfrischende Früchte. Das starkeSchl 'chiroß tritt die Feinde in der Schlacht nieder, aberein Kind kann ruhig mit seiner Mähne spielen. DieTapfersten sind immer die sanftesten. Judas ist keineAusnahme von dieser Regel. Mit seinem reinen undaufrichtigen Herzen ist er ganz der Mann, eine Frauglücklich zu machen."

Sarah seufzte und ließ den Kopf hängen.

War es nicht ein stolzer Augenblick für Achsa , alsAthniel nach dem Siege von Kirgathsepher als Steges-prcis um ihre Hand bat?" fragte Hadassah.

Aber Achsa war die Tochter eines Kaleb," sagte

Sarah. Dann fragte sie, plötzlich ihr Haupt erhebend:Bestimmte mein Vater mich auch zum Weibe desJudas?"

Hadassah fuhr bei dieser Frage zusammen, als obeine schmerzhafte Wunde durch dieselbe berührt wordenwäre.O, mein Kind, habe Mitleid mit mir," murmeltesie leise,und sprich nicht von ihm!"

Sarah wußte schon lange, daß es einen Punkt gab,den sie niemals berühren durfte. Ihre Großmutter trugeinen verschlossenen Kummer in ihrem Herzen, denniemand wagen durfte, zu enträthseln. Ob Sarah'sVater todt war oder nicht, Sarah wußte es nicht. Sieerinnerte sich schwach aus ihrer früheren Heimath Beth-surah eines großen, schönen Mannes, der mit ihrenFlechten gespielt und sie in seinen Armen hatte tanzenlassen. Aber seitdem hatte sie in Gesellschaft ihrer Groß-mutter Bethsurah verlassen und diesen Mann nie wiedergesehen oder jemals von ihm gehört. Die leiseste An-spielung Sarah's auf ihre Abkunft hatte bei Hadassahstets solchen Kummer verursacht, daß das Kind, wennauch diese Frage es oft beschäftigte, bald zu schweigengelernt hatte. Hadassah sprach oft von Mirjam, ihrereinzigen Tochter, und von Sarah's sanfter Mutter Zwillingsrosen wie sie die Beiden stets nannte,welche beide früh, im ersten Jahre nach ihrer Heirath,für den Himmel gepflückt waren. Aber von ihrem Sohnesprach sie nie. Ein Geheimniß schwebte über demSchicksal Abner's, welches seine Tochter vergebens zuenthüllen sich sehnte. Ihr Herz machte ihr Vorwürfeüber ihre unüberlegte Frage.

O, vergib mir, Mutter!" rief Sarah, indem siedie Hand der Hadassah küßte, welche zitterte und kaltwar.Dein Wort, Dein Wille soll mir in allen Dingengenug sein bis auf eins: o, befiehl mir nicht, daß ichmeinen Verwandten heirathel"

Ist es kann es sein, weil ein Anderer einennäheren Platz in Deinem Herzen hat?" fragte Hadassahforschend.

Bei dieser Frage wurde das schöne Antlitz Sarah'splötzlich so rosig wie die Morgenröthe, darauf so weißwie der Schnee des Libanon.

O, dann sind meine Befürchtungen nur zu wahrgewesen!" rief Hadassah in einem nicht zornigen, aberängstlichen Tone.Müssen denn stets die Sünden derVäter an den unschuldigen Kindern heimgesucht werden!Ein Heide! ein Götzenanbeter l O, wäre ich andiesem Tage gestorben!"

Zürne mir nicht, Mutter," stammelte Sarah,Hadassah's Hand mit ihren Thränen benetzend.

Ich bin nicht böse, meine Taube, es macht mirnur Schmerz, daß ich die grausamen Schlingen aus-setzen mußte. Aber Du," fuhr die Wittwe mit er-hobener Stimme fort,Du wirst sie zerreißen, und be-freit wird mein Vogel, rein und unbefleckt, seine silbernenSchwingen über der Erde erheben. Verschieden sind dieVersuchungen, deren sich der Feind der Seele bedient,um Gottes Diener von der Treue abzuziehen. Einigelenkt er durch ihre Feigheit, andere durch ihre Liebezur Welt, ihren Reichthum und ihre Vergnügungen,wieder andere gewinnt er durch Herzensfesseln. Aber derHerr gibt seinem Volke Kraft zu widerstehen, ob dieVersuchung von Furcht oder von Liebe herrührt. Dubist die würdige Verwandte der Salome, welche ihrLeben für ihren Glauben hingab."