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„Vielleicht ist das Opfer des Lebens nicht daSschwerste, welches man bringen kann," antwortete Sarahträumend.
„Salame gab ihre sieben Söhne", sagte Hadassah.
„O, welch eine Gnade war es, daß sie zuletzt ihnenfolgen durfte," rief Sarah, „hätte sie alle ihre Söhne,die sie so sehr liebte, überleben müssen, so wäre Salamedas elendeste Weib auf Erden gewesen!"
„Nein, nicht das elendeste," entgegnete Hadassah,„denn sie starben alle im Glauben. Besser, o, vielbesser, sieben durch den Tod verlieren, als den einendurch — den Abfall von Gott !" Und mit beinahe un-hörbarer Stimme fügte die alte Frau, die Augenschließend, hinzu: „Muß ich dieses Elend nun zumzweiten Male durchmachen?"
„Meine Mutter, meine einzig geliebte Mutter, Dusollst niemals Elend durch mich erfahren!" rief Sarahmit Lebhaftigkeit. „Ich will beten, ich will streben, ichwill versuchen, aus meinen Gedanken alles, waszwischen mich und den Glauben einer Tochter Abra-ham's kommen will, selbst fortzudrängen, nur führemich, hilf mir, sage Deinem Kinde, was es thun soll!"
Und das Mädchen küßte wieder und wieder leiden-schaftlich die Hand der Hadassah und legte dann ihrenschmerzenden Kopf an die Brust ihrer Mutter. Letz-tere umfing sie dann in einer langen und zärtlichenUmarmung.
„Ich möchte Dich nach Bethsura zu meiner altenBase Rahe! senden," sagte die Wittwe, „nur —"
„O, schicke mich nicht fort, laß mich bei Dirbleiben! Deine Gesundheit ist schwach, ich würde fernvon Dir keine Ruhe haben," schluchzte Sarah in fle-hendem Tone.
„Nun freilich, ich darf mein Kind nicht ohnesichere Begleitung nach Jdomea senden, während dieSyrer, die Männer des Belial, das Land besitzen. Esist besser, sie hier in der sicheren Abgeschiedenheit meinesHauses unter meinem schützenden Flügel zu behalten.Aber, ach, mein Kind, höre die Stimme Deiner Mutter.Du mußt fortan vermeiden, dem fremden Heiden zu be-gegnen. Du mußt Dich weniger in den unteren Räumenaufhalten, Sarah, und niemals, außer wenn ich dortbin. Deine Versuchung wird nicht mehr lange währen.Die Wunden des Atheners heilen. Nach dem Passah -fest wird Abischai Jerusalem verlassen, um sich mit derPatriotenschaar zu vereinigen. Wenn Lycidas erst vorder Nähe des Feindes sicher ist, so will ich ihn nichtlänger beherbergen. Er ist schon zu lange unter meinemDache gewesen. Dein schmerzlicher Kampf wird alsonur noch eine kurze Zeit währen, meine Sarah."
Sarah dachte, obwohl sie es nicht äußerte, daßdieser Herzenskampf so lange dauern würde, wie ihr Lebenauf Erden.
„Wirst Du mir gehorchen, meine Tochter? WirstDu fernerhin die zu anziehende Gesellschaft des Fremdenmeiden?"
Das Mädchen neigte zustimmend ihr Haupt undmurmelte: „Bete für mich, Mutter, ich bin so schwach."
„Mein Leben soll ein Gebet sein," sagte Hadassah.
„Meines — ein Opfer," dachte das arme Mädchen,„o, möge dieses Opfer angenommen werden!"
(Fortsetzung folgt.)
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VerKrerherideutifikation.
(Schluß.)
Allein die Zeitrichtung wurde der Grausamkeit, welcheden Vollzug der verstümmelnden Strafe verlangte, vonJahrhundert zu Jahrhundert abgeneigter. In den Länderndes gemeinen Rechts, in denen die Carolina Gesetzeskraftbehielt, suchte man durch gekünstelte Auslegung ihrer Be-stimmungen die Anwendung der verstümmelnden Strafenzu beseitigen; neuere Gesetzbücher nahmen sie überhauptnicht mehr unter die Strafmittel auf; selbst die Brand-markung, die noch im Bayerischen Strafgesetzbuch von1813, der ersten in modernem Geist verfaßten Straf«rechtskodifikation, eine Stelle gefunden hatte, ist seitdemaus der Strafrechtspflege verschwunden.
Damit war das letzte der bisherigen Jbentifikations«Mittel beseitigt; für die Gewohnheitsverbrecher, die inimmer geringerem Maße der Gefahr einer Wiedererken-nung ausgesetzt waren, schien ein goldenes Zeitalter an-zuheben, das auch bald zur Ausbildung eines inter-nationalen Gaunerthums führte, das keine frühere Periodeingleicher Weise gekannt hatte. Immer stärker stellte sichdaher die Nothwendigkeit eines neuen, die Jdentifizirungermöglichenden Verfahrens heraus.
Zunächst suchte man die entstandene Lücke durchAufnahme genauer Personalbeschreibungen der Delinquen-ten auszufüllen. Allein Angaben, wie sie noch heute aufPassen und Jagdscheinen üblich, erweisen sich im konkretenFall als völlig unzureichend, da der Sprachgebrauch nurungenaue Bezeichnungen liefert. Daß beispielsweise eineSchilderung der Körpergröße durch Ausdrücke wie „Mittel,gewöhnlich", eine die Uebergänge gänzlich ignorirendeKennzeichnung der Augenfarbe durch Worte wie „blau,schwarz" für eine überzeugende Jdentifizirung ohne jedenWerth, leuchtet ohne weiteres ein.
Größere Garantie bot das Photographiren der Ver-brecher, das seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhundertsbei den europäischen Sicherheitsbehörden zur Einführunggelangte, sich indeß in den meisten Fällen, in denen essich nicht um die Feststellung einer vermutheten gegen-wärtigen, sondern um die Ermittelung einer verfolgtenabwesenden Person handelte, als unzulänglich erwies.Die Ursache lag in der mangelnden Fähigkeit der Beamten,sich das Photographische Bild stets gegenwärtig zu halten,was nur durch besondere Beobachtung seiner charakterist-ischen Eigenthümlichkeiten erreichbar. Die Photographiekann aber auch deßhalb keine genügenden Ergebnisseliefern, weil die Anzahl der bei den Polizeiverwnltungenin den Verbrecheralbums aufgestapelten Porträts im Laufeder Zeit so angewachsen ist, daß es häufig faktisch un-möglich wird, die Photographie einer ihren Namen ver-heimlichenden Person herauszufinden und damit ihreIdentifikation vorzunehmen.
Einen anderen Weg schlug der englische Arzt Or.Francis Galion ein, indem er für die Jdentitätsfeststcllungdie Benutzung von Fingerabdrücken empfahl. Es veran-laßte ihn hiezu die in Bengalen bestehende Sitte, Quit-tungen und sonstige Dokumente statt mit dem Namen derUnterschriftpflichtigen mit deren Fingerabdruck unterzeich-nen zu lassen, ein Verfahren, das nach andern Nachrichtenin China schon längst für polizeiliche Zwecke verwendetwird. Daß auch im deutschen Mittelalter der Finger-abdruck häufig die Unterschrift vertrat, ergibt sich aus deralten, für wichtige Dokumente üblichen Bezeichnung „Hand-