Ausgabe 
(10.4.1896) 30
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feste", die noch heute in dem Namen der Bremer Nenten-briefe fortlebt. Wie die seit 1888 an über 3000 Per-sonen vorgenommenen Versuche Galions darthun, lassenzwei in allen Punkten zusammenfallende Fingerabdrückeden sicheren Schluß zu, daß die Abdrücke vom Fingerein und derselben Person herrühren, während die Nicht-übereinstimmung ein eben so sicheres Zeichen dafür bildet,daß eS sich um die Fingerabdrücke von zwei verschiedenenPersonen handelt. Das unterscheidende Merkmal bildendie Hautzetchnungen der inneren Daumenseite, die wäh-rend der ganzen Lebenszeit des Menschen unverändertbleiben, von den entsprechenden Hautzeichnungen andererPersonen jedoch völlig abweichen. Theoretisch entsprichtdaher das Galton 'sche Verfahren allen an eine Jd entifi-kationsmethode zu stellenden Forderungen; seiner prak-tischen Anwendbarkeit steht indeß das schwere Bedenkengegenüber, daß die Abdrücke häufig nicht genügend mar-kirte Abstufungen zeigen, daß ein Urtheil über die Ab-drücke eine ganz spezielle Ausbildung und Erfahrung ver-langt, wie sie der Beamte durchschnittlich nicht erwerbenkann, daß endlich der Fingerabdruck für die Ermittelungeiner auf freiem Fuß befindlichen verfolgten Person keinerleiAnhalt bietet.

Alle Schwierigkeiten vermeidet das von Dr. AlfonsVertillon aufgestellte System des anthropomctrischen Si-gnalements, das der bisher fast ausschließlich vom Zufallgeleiteten Ermittelungsthätigkeit der. polizeilichen und ge-richtlichen Behörden eine wissenschaftliche Grundlage gibt,den Beamten in einen praktischen Anthropologen ver-wandelt. Beriillons Theorie geht von der Erwägungaus, daß, so wenig sich in der ganzen Pflanzenwelt je-mals zwei gleiche Blätter finden, eben so wenig sich auchbei zwei Menschen ganz gleiche Organe finden; für dieIdentifikation handelt es sich deshalb nur darum, die-jenigen körperlichen Verhältnisse, die bei den verschiedenenMenschen selbst möglichst verschieden, beim einzelnen Men-schen dagegen einen möglichst gleich bleibenden Charaktertragen, zu ermitteln. In erster Reihe bietet sich fürdiescnZweck die Körpermessung, da das menschliche Knochen-gerüst vom 20. Jahr ab fast absolute Unveränderltchkeitbesitzt, der Knochenbau der verschiedenen Menschen eindurchaus abweichender, die Maße auf der lebenden Per-son mittelst sehr einfacher Instrumente von jedem Be-amten genau und leicht festgestellt werden können. Dementsprechend läßt Bertillon von jedem Verbrecher dasKörpermaß in Körpergröße, Spannweite und Sitzhöhe,das Kopfmaß in Länge und Breite des Kopses, Längeund Breite des rechten Ohres und das Gltedermaß inLänge des linken Fußes, des linken Mittelfingers, deslinken kleinen Fingers und des linken Vorderarmes fest-stellen. Die gefundenen Maße, die für jede einzelnePerson auf einer Signalementskarte verzeichnet sind,werden dann unter Hinzunahme der durch Geschlecht,Alter und Farbe des Auges gebildeten Verschiedenheitenin Abtheilungen zerlegt, die es ermöglichen, bei Neuver-messung eines Verbrechers in kürzester Zeit festzustellen,ob die sich hierbei ergebenden Maße bereits in jenenAbtheilungen vorhanden, ob es sich also um einen rück-fälligen Verbrecher handelt. An die Messung schließt sichdie Aufnahme einer genauen Personenbeschreibung, diesich namentlich auf die Gestaltung der Stirn, Nase undOhr bezieht und durch eine scharfe Klassirung der imSprachgebrauch unklar bleibenden Abweichungen genaueResultate ergibt, die wiederum auf der Signalements-

karte Aufnahme finden. Eine dritte Rubrik für beson-dere Kennzeichen zählt die am Körper des Untersuchtenbefindlichen Schönheitsflecke, Schnittwunden, Narben undTätowirungen auf, unter genauer Angabe ihrer Lageund Ausdehnung, da auch hier Erscheinungen vorliegen,die sich entweder während des ganzen Lebens nicht ver-ändern oder doch bei künstlicher Beseitigung, wie sie jetztbei Tätowirungen üblich, mindestens unzweideutige Spurenihres früheren Vorhandenseins zurücklassen. Um die rascheFixirung dieser häufig sehr zahlreich auftretenden beson-deren Kennzeichen zn ermöglichen, verwendet Bertillon einevon ihm ersonnene Kurzschrift, deren Bezeichnung mitRücksicht auf die internationale Bedeutung des Ver-fahrens in den Anfangsbuchstaben mit den entsprechen-den lateinischen, französischen und englischen Ausdrückenübereinstimmen. Gewöhnlich werden der Signalements-karte noch zwei Photographien des Gemessenen eir laosund 6N xroül beigefügt, deren Aufnahme unter Ver-wendung eines mit besonderen Vorkehrungen versehenenAufnahmestuhles erfolgt, dessen Konstruktion die aufzu-nehmende Person zwingt, während des Aktes dieselbeHaltung zu beobachten. Die Photographirnng ist jedochnicht obligatorisch; wichtiger sind die auf der Signale-mentSkarte verzeichneten Maße und Merkmale, derencharakteristische Partien, von dem mit der Ermittelung be-trauten Beamten als Gedächtnißbild, xortrait xarls,auswendig gelernt, bereits regelmäßig die Identifikationermöglichen.

Die Bertillon'sche Methode hat sich seit ihrer imDezember 1882 in Frankreich erfolgten Einführung alseine mächtige Waffe im Kampf gegen das Verbrecher-thum erwiesen. Die Zahl der durch sie ermittelten, ihrenwahren Namen verheimlichenden Verbrecher betrug alleinin Paris , wo Bertillon selbst an der Polizeipräfekturals Chef du Service de l'Jdentits judiciaire fungirt,1883 bereits 49, um allmählich anwachsend 1892 auf680 zu steigen. Die Gesammtzisfer der in den letztenzehn Jahren in Paris derart ermittelten Personen be-läuft sich auf nicht weniger als 4564 und das ohneden großen Kosten- und Zeitaufwand, den die Ermit-telung des wahren Namens sonst durch die lange Unter-suchungshaft zu verursachen pflegt.

Auch die Verbrecherkreise haben bereits die Konse-quenzen aus dem neuen Verfahren gezogen, indem sieden ihnen zu heiß gewordenen französischen Boden mitdem des sprachverwandten, aber noch nicht zur Einfüh-rung des anthropometrischen Systems gelangten Belgien vertauschten. In augenfälligster Weise hat sich z. B. dieZahl der Pariser Taschendiebe vermindert; während sich1885 bei den Messungen noch 65 Taschendiebe als rück-fällig erwiesen, fanden sich 1890 nur noch 14 Personendieser Kategorie.

Die offensichtlichen Erfolge, deren sich das Bertil-lon'sche System in immer steigendem Maße rühmen darf,haben ihm auch schon weite Anerkennung über sein Ur-sprungsland hinaus verschafft. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Belgien, Rußland, die Schweizer Kan-tone Bern und Genf , zahlreiche südamerikanische Staaten,Tunis, das englische Indien, Rumänien haben seineEinführung entweder bereits vollzogen oder prinzipiellbeschlossen. Der Aufnahme der Vertillon'schen Jdenti-fikationsmethode im deutschen Polizeidienst stand bis jetztder Mangel einer Anleitung für das Messungsverfahrenin deutscher Sprache entgegen, dem jedoch nunmehr durch