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die von Professor von Sury besorgte deutsche Ausgabedes Bertillon'schen Werkes abgeholfen ist, die das Sy-stem in klarer, allgemein faßlicher Sprache erörtert, jedesMessungsstadium in zahlreichen Zeichnungen erläutertund durch ein weit über dreihundert Abbildungen ent-haltendes Album zur Aufnahme der Personalbeschreibungund der besondern Kennzeichen anleitet. Hoffentlich zö-gert jetzt auch Deutschland nicht länger, sich des Ber-tillon'schen Verfahrens zu bedienen, da eS sonst der Ge-fahr ausgesetzt wäre, der Sammelplatz all derer zuwerden, die eine Identifikation zu fürchten hätten.
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Ein Brsirch Lei Capitain-General Wehler,dem Höchstcommandirenden auf Cnba.
Nachdruck verboten.
Hoch zum wolkenlosen Himmel loht der Feuerbrand.Zucker- und Tabakplantagen stehen in Flammen, deren
weißes Nauchgewölk kerzengerade emporqualmt.
Dies ein Widerschein der Revolution, den ich von Bordunserer „Columbia" aus beobachtete, während das stolzeSchiff in Mittagsgluth an den Gestaden Cuba's entlang-zieht und bald in Havana landet.
Kaum, daß ich einige Zeit in der Stadt herum-schlendere, ihre Paläste, ihre Dome, ihre langen Boulevards,ihre kühlen Arcaden bewundere — überall ist sie fühlbar,diese Revolution .... Das Volk in dumpfer Lethargie;kein Geschäft in flottem Gang; viele Läden und Werk-stätten geschlossen....
Und erst, wenn man ein wenig in öffentlichen Localenherumhorcht!... Die letzten Reste von Credit im Wanken.Dafür Schulden in Massen. Und doch draußen auf denPlantagen die Zucker- und Tabakernte in üppigster Fülle.Aber vom Hereinbringen keine Rede; sie verfällt den Ver-heerungen der Scharmützel und Schlachten. ArbeitsloseMenschen in großen Massen. Dazu schickt sich bereits wiedereine Tabakfabrik an, ihr aus fünfzehnhundert Mann be-stehendes Personal zu entlassen. Was sie dann thun, dieseArmen? Sie vermehren die Bataillone der Insurgenten.So wird der Kampf der regulären Armee gegen die Auf-rührer schwieriger.
Hunderttausend Mann spanischer Soldaten füllen jetztdie Insel, und weitere fünfundzwanzigtauscnd sollen in dennächsten Tagen eintreffen. Trotzdem — der Aufruhr tobtweiter. Dazu schwirren in der Bevölkerung die wider-sprechendsten Gerüchte über Schlachten, Einäscherungenverschiedener Provinzstädtchen, nächtliches Erschießen ge-fangener Insurgenten....
Aber man hofft, der neue Höchstcommandirenve, derneue Allgewaltige, Capitain-General Valeriana Weyler,wird die alte Ordnung wieder herstellen. Schon seine erste,vor einigen Tagen an die Einwohner Havana's erlasseneProklamation, welche zugleich über die ganze Insel denBelagerungszustand verhängt, ist streng wie mit Blutgeschrieben.
*) Dieses interessante Interview hatte der bekannte Schrift-steller gelegentlich seiner soeben beendeten Westindienfahrt. — Beidieser Gelegenheit wollen wir unsere Leser auf Karl Böttcher's zuletzt erschienenes Buch „Von sonnigen Küsten" (Leipzig ,Verlag von B. Elischer Nachfolger) besonders aufmerksam machen,welches in stimmungsvollen, zumeist humoristischen Schilderungenalle Hanptstationen am Mittelmeer behandelt. Die Redaction.
Eine Idee! Wie wärs, wenn ich den Allgewaltige»aufsuchte, ihn interviewte! . . .
Ich gehe nach dem an der Plaza de Armas gelegenenNegierungsgebäude. Am eisenverzitterten Portale mehrereSoldaten auf Posten. Alle mit aufgepflanzten Bajonettenund in seldmäßiger Ausrüstung. Alle sixiren mich scharf,lassen mich jedoch passiren.
Man geleitet mich in einen weiten, mit Marmorplattenbelegten Saal. Vor mir Soldaten jeder Waffengattungund jeder Rangstufe, vom goldstrotzenden General bisherab zum Gemeinen. Buntes Durcheinander, große Ver-wirrung.
Ich reiche dem dienstthuenden Adjutanten meine Karte,kläre ihn auf über den Zweck meines Besuchs. Er ver-schwindet im Audienzsaal des Allgewaltigen, kommt baldzurück und bedeutet mir, ich möge ein wenig warten. Dannsetzt er sich neben mich; eine lebhafte Unterhaltung überPolitik beginnt. Ich fühle, wie er mich dabei sondirt inmeinen Ansichten. Sie muß zur Zufriedenheit ausgefallensein, diese Sondirung; als er abermals aus dem Audienz-saal zurückkehrt, theilt er mit, daß mich Se. Excellenzempfangen werde; nur müsse ich mich noch etwas gedulden,die Generäle, die Adjutanten, die Ordonnanzen, die De-peschen —
Ach, ich warte gern. Ist es doch ein interessantes Bild,das sich dem Beobachter zur Audienzstunde im Vorzimmereines Commandanten bietet, der eine Revolution bekämpft— ein Stück Kriegsleben hinter den Coulissen.... Hierein Auf und ein Nieder, ein Kommen und Gehen, begleitetvon Säbelrasseln. Debattirende Officiere stehen in Gruppenzusammen. Verstaubte Ordonnanzen, deren ganze HaltungMühsal und Ermüdung eines beschwerlichen Ritts directvom Kriegsschauplatz zeigt, treten hastig ein. Sofort wirdihr Führer dem Capitain-General gemeldet, sofort vorge-lassen. Neugierig umdrängt man die Zurückgebliebenen,führt mit halber Stimme eine erregte Unterhaltung....
Ich komme dahinter, was los ist. Fünf Stunden vonHavana entfernt fand diesen Morgen ein blutiges Gefechtstatt. Die Insurgenten wurden zurückgeschlagen. „Bravo !Bravo!" ruft ein alter graubärtiger Officier, der mitseinem dicken Gesicht und spitzen-Knebclbart an Bazaine erinnert.
Jetzt wird diese Scene von einer anderen verdrängt.Ein zerlumptes, abgehärmtes Weib, vier gleich zerlumpte,ausgehungerte Kinder wanken herein. Der Adjutant scheintsie bereits zn kennen. Er weist sie nach einer Bank inder Ecke.
„Dies sind die Angehörigen eines gefangenen Insur-genten, der vielleicht morgen früh erschossen wird", flüsterter mir zu; „sie wollen bei Sr. Excellenz um Gnade bitten."
Eben, als ich noch die Armen theilnahmsvoll betrachte,öffnet sich die Thür des Audienzsaales. Stramm pflanztsich ein Officier vor mir auf, legt die Hand an das Käppi:
„Se. Excellenz lassen bitten."
Wenige Augenblicke — dann stehe ich einem auffallendkleinen Herrn im schwarzen Salonanzug mit breitem, rothemGurt um den Leib gegenüber — einem mittleren Fünfziger.So mag Altmeister Adolph Menzrl ausgesehen haben voretwa zwanzig Jahren.... Auf der kleinen Figur einenergischer Kops mit graninelirtem Backenbart und glatt-rasirtem Kinn.
Ich will mich eben im großen Saal nach demCapitän-General, dem Allgewaltigen Cuba's , umsehen;aber nein, er ist es selbst, der kleine Herr da vor mir