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Doctor Dane wurde gerufen und sagte aus, daßder gefundene Dolch das Mordinstrument gewesen, daßein einziger Stoß, geführt von sicherer Hand, der DameHerz durchbohrt und sofort den Tod bedingt habe.
Miß Chateron war die letzte Zeugin. Leises Zischenmachte sich bei ihrem Eintritt vernehmbar. Sie warbleich und starr wie Marmor, ihr großes, schwarzes Augeschweifte über den Saal. Es herrschte Todtenstille.
„An dem betreffenden Tage", sprach sie ruhig unddeutlich, „hatten ich und Lady Chateron einen Wort-wechsel, den eine verletzende Bemerkung meinerseits be-dingte. Sie antwortete zürnend darauf, daß ich amfolgenden Tage das Schloß verlassen müsse. Ich er-widerte ebenso zornig, daS würde nicht geschehen, undverlieb das Zimmer. Als ich allein war und überlegte,bereute ich meine vorschnelle Rede und beschloß, mich zuentschuldigen. Ich fand Mylady schlafend und wolltesie nicht stören. Auf der Schwelle begegnete ich derAmme, die ich nie leiden mochte, und schickte sie heftigfort. AIs ich etwa eine halbe Stunde später allein imZimmer saß, kam Hooper und sagte, Mylady sei ermordet.Natürlich war ich entsetzt, erschüttert, betäubt von derschrecklichen Katastrophe. Ich befahl, daß man nach SirVictor, dem Arzt und der Polizei sende, und kehrte inmein Zimmer zurück, wo ich weilte, bis Lady Powys kam."
Die Zeugin sprach in förmlich gezwungener Weise,ihre Angaben glichen einer auswendig gelernten Lektion.
Richter: „In der Nacht nach dem Morde trafenSie im Freien mit einem Manne zusammen. WollenSie uns sagen, wer das war?"
Zeugin: „Nein, ich weigere mich ganz entschieden.Was den Mord anbelangt, habe ich bereits gesagt; übermeine Privatangelegenheiten beantworte ich keine Frage."
Man ließ sie abtreten, der Gerichtshof beschloß, dieSitzung zu vertagen, bis Juan Chateron gefunden sei.* *
In einem Zimmer des ersten Hotels zu Chesholmstand Jnez Chateron mit Lady Helena, Sir Roger Kendrikmit einigen sympathisirenden Freunden.
Es wurde wenig gesprochen. Alle fühlten, daß sichüber des jungen Mädchens Haupt ein schreckliches Un-wetter gesammelt.
Es kam schneller zum Ausbruch, als sie gedacht.Während sie auf den Beschluß des Gerichtshofes wartete,trat ein Polizeibeamter ein und berührte Miß ChateronsSchultern leicht.
Lady Helena schrie auf, Sir Roger trat vor, Jnezwich unwillkürlich zurück.
„Ich bedauere sehr eine schmerzliche Pflicht erfüllenzu müssen, Miß Chateron", sprach der Kommissär ernst,„ich habe einen Verhaftsbefchl gegen Sie wegen Ver-dachtes des absichtlichen Mordes, begangen an Meta LadyChateron."
11. Kapitel.
18 t lux pöi-xstun Inosat si.
Drei Tage später schwankte langsam ein Trauerzugzum Thore hinaus und brachte Lady Chateron's Leichein die Ahnengruft.
Erst gestern schienen die Glocken freundlich ihrenEinzug begleitet zu haben, jetzt trug man sie hinaus —todt — ermordet — und bettete sie in der Ahnengruftneben die adelstolzen Damen, die dort den langen, traum-losen Schlaf schliefen.
Der Tod macht Alle gleich. Margaretha Dobb, die
Tochter des Londoner Seifensieders, reihte sich den Töch-tern der Grafen und Herzöge an — endlich ihnen gleich.
Schauder durchbebte die Anwesenden, ein Gebraustgleich der stürmenden See wogte unter der Menge.
Wer hatte den Mord begangen? Das Mädchen imGefängniß zu Chesholm oder ihr Bruder? Man erin-nerte sich seiner recht wohl, er war mit allen in Fehdegelegen, war zu jedem Schurkenstreich bereit gewesen.Beide Geschwister hatten die Todte gehaßt: Jnez, weilsie ihr den Geliebten genommen, Juan. weil er selbst sieverloren. Nach Sir Victor war er gesetzlicher Erbe;wenn der Säugling starb, könnte er sich noch einmalSir Juan nennen. Die Leute hielten es für ein Glück,daß die Amme das Kind fortgetragen hatte, sonst hätteder Stahl wohl auch dessen Brust durchbohrt. Tausend-stimmiger Fluch über den feigen Mörder der schlafendenMutter stieg von dem öden Leichenacker gen Himmel.
„Warum findet man Juan Chateron nicht?" fragteEiner, „heut zu Tage entrinnen Mörder nicht so leicht,wenn man sie erreichen will. Vor sieben Tagen wardder Mord begangen, und noch hat man von dem Ver-mißten keine Kunde."
„Aber wenn er gefunden ist", rief ein Anderer,„soll weder er, noch seine Schwester entrinnen. Läßtdas Gericht sie durchschlüpfen, so nehmen wir sie in dieHand. Sie sollen baumeln, wie sie es verdienen. Ichbin der Erste, der den Strick aufknüpft."
Von Tag zu Tag wuchs das bittere Gefühl gegendie Geschwister. Der barmherzige englische Justizgang,der Jeden für unschuldig hält, bis das Gegentheil er-wiesen, war zu langweilig.
„Der Bruder hat sie gemordet, die Schwester dazugeholfen, Beide sollen hängen", lautete die Volksstimme,„das Hängen wäre noch zu gut für sie."
Und wie ertrug die stolze Dame die Haft?
Anfangs hatte sie ihre Mittheilung ruhig hingenommen.
„Liebe Tante, lieber Sir Roger, mischen Sie sichnicht ein, der Mann thut nur seine Pflicht und ich er-wartete es nicht anders. Momentan ist es freilich un-angenehm, aber das Resultat ist mir nicht zweifelhaft.In unsern Tagen, wo so viele Schuldige entkommen,wird eine Unschuldige wohl nicht bestraft. — Adieu,Tante! Adieu, Roger! Bitte, glauben Sie an mich,und Du, Tante, sei so gut und bringe mir baldNachricht von Victor. Sollte er sich erholen, so sageihm nichts von meinem Geschick. Grüße Onkel Gottfriedund betrübe Dich nicht."
„Glaubst Du, ich lasse Dich allein gehen? Nein,ich begleite Dich ins Gefängniß. O, es ist gräßlich zudenken, daß sie Dich wie eine gemeine Verbreche«« ein-sperren wollen! Können Sie nichts thun, Sir Roger?"
„Sir Roger kann nichts thun", erwiderte Jnez,„ das Gesetz hat seinen Lauf. Enden wir die peinliche Scene."
An der Thür stand ein Wagen. Der Baron brachtedie Damen hinein, und sie fuhren ab. Im Gefängnißwurde Miß Chateron ein Zimmer angewiesen, und derGefangenwärter, der einst Diener in der Familie Powysgewesen, verhieß ihr so viel Annehmlichkeiten als möglichzu gestatten.
Als die schwere Thür sich geschlossen, erhob LadyHelena flehend die Hände.
„Höre mich, um's Himmelswillen, Jnez, Du schützestJemand, Du sahst die blutige That verüben und ver-schweigst den Schuldigen. O sprich! Rette Dich, nenne