Victor hat Sie in der Gewalt. Wiederholen Sie nureinmal die Lüge und Sie sollen im Zuchthaus verstum-men. Gehen Sie, Juan Chateron, ich fürchte Sie nicht. —Ich weiß bestimmt, daß sie ihm diesen Namen gab,übrigens ward mir unheimlich bei dieser Sache, und ichschlich davon. Von dem Erlebniß habe ich außer demRichter Ferrick Niemandem etwas gesagt."
James Dickseh wurde mit Kreuzfragen bestürmt, ließaber an seiner Aussage kein Titelchen ändern. Er könnteden Namen, den die Lady genannt, beschwören, ebensodie angegebenen Reden.
Tiefe Sensation bemächtigte sich der Anwesenden, alsJames Dicksey abtrat.
Die Verhandlung wurde bis zum nächsten Morgenvertagt. Trotz des unfreundlichen Wetters füllte sich derSaal. Todtenstille herrschte, als William Hooper wiedervor die Schranken gerufen wurde.
Richter: „Erinnern Sie sich des Abends, wo SirVictor seine Frau heimbrachte?"
Zeuge: „Ja."
Richter: „An dem Abend kam noch ein Besuch;wer war es?"
Zeuge: „Mr. Juan Chateron."
Richter: „Besuchte Mr. Juan Chateron seine Ver-wandten regelmäßig?"
Zeuge: „Nein."
Richter: „Wie lange Zeit war seit seinem letztenBesuche verstrichen?"
Zeuge: „Vier Jahre. Erstand schlecht mit Sir Victor."
Richter: „Auch mit seiner eigenen Schwester?"
Zeuge: „Ich möchte die Frage lieber nicht be-antworten."
„Richter: „Und doch müssen wir wissen, auf welchemFuße Juan Chateron mit seiner Familie stand. Hatman ihm je das Haus verboten?"
„Zeuge: „Ich glaube so."
„Richter: „War sein Besuch an jenem Abend völligunerwartet?"
Zeuge: „Ich weiß es nicht."
Richter: „Wie lange blieb er?"
Zeuge: „Höchstens zwanzig Minuten, dann kam erlachend herunter und ich ließ ihn hinaus. Seitdem habeich ihn nicht wiedergesehen."
10. Kapitel.
Fortsetzung des Berichtes.
Jane Pool wurde gerufen. Beim Namen dieserZeugin lief ein Gemurmel des Interesses durch den Saal.Ihre Aussage hatte das meiste Gewicht.
„Ich bin die Amme des Kindes von Sir Victor.Anfang August bekam ich die Stelle in London undbegleitete die Herrschaft in den ersten Tagen des Sep-tember hierher. Am Abend des Mordes kam Myladyetwa um drei Viertel auf sieben Uhr ins Kindsztmmer.Sie sah sehr bleich aus und beugte sich stumm über dieWiege. Bald darauf erschien auch Sir Victor und sagteihr, er müsse sofort nach Powys Place, den Onkel habeein Schlag getroffen, es sei möglich, daß er diese Nachtnicht wiederkehre, sie solle nur recht auf sich Acht geben.Er küßte sie und ging. Lady Chateron winkte ihm vomFenster aus nach. Etwa zehn Minuten später kam MißJncz, fragte nach Sir Victor, beugte sich über das Kindund sagte lachend: „Ob es wohl der Erbe von ChateronNoyals ist? Ich lese das schottische Ehegesetz, und wenn
502 —
Sie Juans Frau sind, können Sie nicht Sir VictorsGattin sein, folglich kann die Legitimität seines Sohnesbezweifelt werden." Lady Chateron wurde darüber sozornig, daß sie erklärte, Miß Jnez müsse am folgendenTage das Schloß für immer verlassen, sie sei hier Herrinund dulde sie nicht länger. Das Fräulein erwiderte,daß alle Seifensiederstöchter von ganz England sie nichtfortbringen sollten, Chateron RoyalS sei ihre Heimathgewesen zu einer Zeit, wo man Mylady nicht als Küchen-magd aufgenommen hätte. Damit schritt sie aus demZimmer, und ich schlüpfte durch die andere Thür hinaus.Gegen acht Uhr holte ich das Kind, um es für die Nachtumzukleiden. Mylady saß schlafend im Fauteuil amoffenen Fenster. An ihren Wimpern perlten Thränen.Nachdem ich das Kind versorgt hatte, begab ich michwieder herab, um die Dame zu wecken, damit sie sichnicht erkälte. Ich hatte schon die Thürklinke in der Hand,als Miß Chateron aus dem Kindszimmer trat und mirgebot, mich um meine Angelegenheiten zu bekümmern.Gereizt ging ich fort und sagte es der Zofe, die sichebenfalls ärgerte und meinte, sie fürchte das Fräuleinnicht und werde die Herrin nun eist recht wecken. Etwafünf Minuten später kam sie schreiend wieder und fielin Ohnmacht, bevor wir eigentlich wußten, was sie sagenwollte. Wir folgten Hooper hinauf und fanden Myladyermordet. Während wir zu Tode erschrocken um dieLeiche standen, fragte eine Stimme: „Wo ist Miß Cha-teron?" Niemand antwortete, und die Frage wiederholtesich. Mr. Hooper erklärte, er werde sie holen. Balddarauf erschien sie mit ihm, sie war todtenblaß, wußtekaum, was sie sagte oder that, schien aber durchaus nichtüberrascht. Ihr Befehl lautete dahin, daß man SirVictor und den Arzt hole und der Polizei Anzeige mache.Darauf begab sie sich in ihr Zimmer zurück, und ich ver-mißte den Dolch, den ich noch gesehen hatte, als ich dasKind forttrug."
Der blutige Dolche wurde der Zeugin vorgelegtund sofort von ihr erkannt. Sie brach in krampfhaftesSchluchzen aus.
Die Sitzung wurde auf Nachmittags zwei Uhr ver-tagt. Wieder trat Jane Pool in die Schranken.
„Ich hatte Verdacht und hielt die Augen offen.Miß Jnez blieb beinahe den ganzen Tag im Zimmer,erst Abends gegen neun Uhr trat sie in den Korridor,hüllte sich in einen Shaw! und schlüpfte zur Seitenthürhinaus. Ich folgte ihr; sie traf mit einem großen Mannzusammen, gab ihm ein Paket und sagte: „Jetzt geh' undkomme nicht wieder. Dein Kommen hat Unheil genugangestiftet." Seine Antwort verstand ich nicht. DasFräulein schien erzürnt. „Wie wagst Du so zu sprechen?Du Elender, Dich Bruder zu nennen, schäme ich mich.Ohne Dich wäre sie noch lebend. Glaubst Du, daß ich'snicht wüßte? Geh'I Ich will Dich nicht wiedersehen,weder lebendig noch todt."
Unbeschreibliche Sensation ergriff die Zuhörer.„Nehmen Sie sich in Acht", gebot der Richter ernst,„wie können Sie sich so genau der gesprochenen Worteerinnern? Gedenken Sie Ihres Eides I "
Zeugin: „Weil ich's sofort aufschrieb,^ als ich insHaus zurückkehrte. Uebrigens hätte ich sie auch ohnehinnicht vergessen. Hier ist der Zettel (sie gab ihn demRichter), ich weiß, daß ich vereidigt bin."
Die Zeugin wurde scharf verhört, ohne ihre Aus-sage zu Verändern.