Ausgabe 
(11.8.1896) 66
Seite
501
 
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Augsburgrr PostMung".

« 66 .

Dinstag, den 11. August

1896 .

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg <Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

9. Kapitel.

Aus demChesholm Courier".

Alle Welt riß sich um die Morgenausgabe desChesholm Courier".

Die Tragödie von Chateron Noyals.

In allen Annalen geheimnißvoller Verbrechen findetsich kaum ein schrecklicheres, als der Mord von ChateronNoyals. Eine junge, schöne, liebenswürdige Dame wirdim Hetltgthum ihres Hauses, umgeben von treuer Diener-schaft, vom Dolch des Mörders getroffen. Ihre Jugendund Schönheit, die Heiligkeit des Schlummers vermochtensie nicht zu schützen Voll Leben, Hoffnung und Glückwird sie meuchlings hingemordet, ihr Kind ist mutterlos,ihr Gatte schwebt zwischen Tod und Leben, die Wuchtdes Schlages bedingte für ihn einen Gehirntyphus.

Wer war der Mörder? Welches sein Motiv? Weilter noch in unserer Mitte? Die Pflicht eines Jeden ist,zu seiner Entdeckung beizutragen."

Aus dem Dienstags-Blatt:

Gestern begann das Verhör. Die erste Zeuginwar Mary Butters. Nachdem sie vereidigt worden war,sagte sie aus:Ich war Mylady's Zofe. Freitag, densechzehnten September, Nachmittags, sah ich meine Herrinzum letzten Mal am Leben. Ich hatte sie zur Tafel an-gekleidet, sie warf einen Shawl um, nahm ein Buch zurHand und sagte, sie wolle einige Minuten frische Luftschöpfen. Ich begab mich zur Dienerschaft. Etwas nachsieben Uhr kam Jane Pool und sagte -"

Richter:Wir wollen nicht wissen, was Jane Poolthat oder sagte, sondern was Sie selbst sahen."

Zeugin:Gut, aber ich könnte alles besser sagen,wenn Sie mich nicht unterbrechen. Ich zur Nachtund ging hinauf ins Kindsziwmer."

Richter:Wann gingen Sie hinauf?"

Zeugin:Ich glaube, es war ein Viertel nachacht Uhr"

Richter:Was Sie glauben, hilft uns nichts, seienSie bestimmter in ihren Angaben. Um wieviel Uhrbegaben Sie sich ins Kindszimmer?"

Zeugin (heftig):Wie kann ich bestimmter sagen,was ich nicht weiß? Ich sah nicht auf die Uhr. Oben

pochte ich an die Thür, erhielt keine Antwort und tratein. ES brannte kein Licht, aber der Mond schien hell.Die Dame saß im Fauteuil am offenen Fenster. Umsie zu wecken, berührte ich ihre Hand und wurde naßvon Blut. Es floß in einem kleinen Strom unter derlinken Brust hervor. Nun wußte ich, daß sie ermordetwar. Schreiend stürzte ich aus dem Zimmer und zuden Dienstleuten. Wie ich's erzählte, weiß ich nicht, ichfiel in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam,war ich allein. Alle Andern waren im Kindsziwmer,ich begab mich ebenfalls dahin, und das ist Alles, wasich weiß."

Mary Butters tritt ab, und der Hausmeister WilliamHooper wird aufgerufen.

Ich bin seit zwanzig Jahren im Dienste der Fa-milie. Als ich letzten Freitag mit den andern Dienst-leuten zu Nacht, kam Mary Butters schreiend herein-gestürzt, rief, Mylady sei ermordet und erschreckte unsüber die Maßen. Ich glaubte es nicht und hieß sie,uns ruhig sagen, was sie meine. Statt dessen seufztesie tief und fiel in Ohnmacht. Wir begaben uns allesofort ins Kindszimmer, wo wir wirklich Mylady todtim Fauteuil fanden. Sie konnte erst wenige Minutenaus dem Leben geschieden sein, denn sie war beinahenoch warm. Der Herr war nicht zu Hause, sonst hätteich ihn gerufen."

Richter:Um welche Zeit war das?"

Hooper:Es mochte beinahe acht Uhr sein, dennes schlug halb, als ich mich zu Miß Chateron begab."

Der nächste Zeuge war James Dicksey, ein Burschevon etwa achtzehn Jahren.

Freitag Abend gegen sieben halb Uhr ging ich in derNähe des Lorbeerhaines spazieren. Im Freien war esnoch hell, im Haine düster. Plötzlich hörte ich streitendeStimmen, sah hinein und erkannte Mylady. Der Mann,mit dem sie sprach, war groß und hatte den Hut tiefins Gesicht gezogen. Er wandte mir den Rücken. Ichblieb stehen und horchte. Der Fremde verlangte erstGeld, dann Juwelen. Die Dame weigerte sich, und erschrie auf:Gib mir die Ringe, oder bei Gott, ich er-zähle ganz England die Geschichte von Deiner Heirath."

Die Ueberraschung der Zuhörer war unbeschreiblichbei dieser Angabe.

Richter:Was hörten Sie weiter?"

Zeuge:Mylady war sehr erregt und entgegnete:Das wagen Sie nickt, Sie sind ein Feigling, und Sir