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26. IllNi 1896.
8. Am 8. Juni dieses Jahres starb JulesSimon, dessen Tod für Frankreich „ein Nationalunglück"genannt wurde. Gewiß, als Staatsmann und Minister,als Gelehrter und Schriftsteller muß er eine ganz be-deutende Persönlichkeit gewesen sein, die um so mehreine bemerkliche Lücke hinterlassen wird, als bei unsernwestlichen Nachbarn die Hohlköpfigkeit und Großsprechereiso gern auf den öffentlichen Thron sich zu erschwingenversteht. Man darf wohl annehmen, daß das Bild dervielseitigen Thätigkeit dieses Mannes dem französischen Volke recht oft wird vorgehalten werden, wie man ja auchin Deutschland diesen Verlust „eines der größten seinerSöhne" vollauf zu würdigen versteht. Des KaisersTelegramm beweist genug.
Was uns an diesem Manne der Kraft und Thatam meisten interessirt, ist seine mehrmalige Thätigkeit alsMinister, speciell des Unterrichts. Es ist dies jajenes Gebiet, auf dem „das Chaos der Meinungen"größer ist als irgendwo, und wir Deutsche sind nuneinmal nicht von dem Fehler zu heilen, beständig überdie Vogesen zu sehen. In der That ist auch die heutigeGestaltung des französischen Unterrichtswesens für uns solehrreich, daß es nützlich erscheint, bei dem Tode desMannes, der hier so viel gethan, einen Blick in das-selbe zu thun. „Das Volk, das die besten Schulen hat,"sagte Simon einmal, „ist das erste Volk, oder wenn esdas nicht heute ist, wird eS dies morgen sein." DerSatz enthält ja eine Uebertreibung, aber er charakterisirtseinen Autor.
„Alles, was auf religiösem und politischem Gebietesich in der Mitte bewegt, ist absurd und muß für nichtsgeachtet werden. Nur Sie — die Katholisch-Conserva-tiven — und wir — die Freidenker — die wir an denbeiden Extremen stehen, haben eine Existenzberechtigung.Sie, weil sie die Affirmation sind, wir, weil wir dieNegation sind. Wir leugnen alles, was Sie behaupten;wir wollen alles zerstören, was Sie erhaltenwollen. Aber die Welt ist nicht groß genug, um unsBeide zu tragen; entweder werden wir Sie oder Sieuns vernichten!" Diese Worte, welche der berüchtigtePaul Bert im Jahre 1881 im französischen Parla-mente sprach, können als das Signalement der Cultur-strömungen gelten, wie wir es in so vielen Ländern,besonders aber in Frankreich , unschwer erkennen. Viel-leicht aber auf keinem Gebiete mehr als dem der Er-ziehung und ves Unterrichts treffen sie so zu. Eswäre eine überaus dankbare und lehrreiche Studie, dieBilder zu betrachten, wie sie der Schulkampf übermNheine seit der Revolution zu Tage förderte, von den„großen Ideen des Jahres 1789" bis herab auf dieTage Jules Simons. Dieser Mann selbst ist alt genuggeworden, um zu erfahren, daß die grauen Theorien desLiberalismus gerade auf dem Schulgebiete nicht das Ar»kanum sind, das die sociale Frage löst, und wenn wirvon ihm lesen, daß seine letzte That sogar die Be-kämpfung des Atheismus war, so möchten wir nurwünschen, daß bei seinen geschäftigen Kollegen sich diesennere Metamorphose früher vollzieht.
Vor uns liegt eine Schrift „Erziehung undUnterricht", einen Band der „Bibliothek der socialenund politischen Wissenschaften Frankreichs " bildend. Bet
aller Dürre der Behandlung des Stoffes ist es unSgleichwohl möglich, einen Einblick in die französischen Schulzustände zu gewinnen. Namentlich gilt dies vonder Epoche, in welcher Jules Simon in erster Linie dieHand im Spiele hatte. „Was fehlt denn an derErziehung", heißt es da bei einem Ausblicke in die Zu-kunft, „auf welche die Nation so große Kosten verwendet?Es ist das gemeinsame Streben nach einem gemeinsamenZiele und dazu die feste Einigkeit der Franzosen ." DieserKlageruf läßt sich nur voll und ganz verstehen, wennwir uns an die oben citirten Bert'schen Kammerworteerinnern. „Wenn sie — eben die so schwer vermißteEinigkeit — von allen erstrebt und herbeigeführt wird,so hat sie zur Folge die Einsetzung eines Ministeriumsund eines Rathes der nationalen Erziehung, welchen eSobliegt, eine Einheit der Bestrebungen herzu-stellen, welche der Einheit der Bestrebungen und derHerzen entspricht. Aber was werden die Grundlagenderselben sein. Ohne Zweifel wird sie gegenseitige Nach-giebigkeit bedingen, welche jedoch um so leichter ist, alssie nicht nothwendigerweise das Aufgeben irgend einerDoctrin, irgend eines ernsten und starken Glaubenserfordert."
Auf diesen naiv-optimistischen Wunsch folgt ein hoch-politischer Erguß, der zu werthvoll ist, als daß er über-sehen werde. „Und außerdem erscheint es uns ebensounzweifelhaft, sowohl daß es nicht absolut nothwendig,als daß es nicht unmöglich ist, alle Franzosen zu einigen.Noch niemals haben wir eine furchtbarere Zukunftvor uns gehabt. Ein Sturmwind des Hasses durchbraustganz Europa. Deutsche, Italiener , Engländer, sogarUngarn und Belgier verabscheuen Frankreich und würdenes gern verschwinden sehen."
In welcher Verfassung Jules Simon das Landzurückgelassen, erhellt aus folgender Betrachtung, die zu-gleich auch wieder einen treffenden Beleg für französischeSeichtheit und Oberflächlichkeit bildet. „Während heut-zutage die Lösung der politischen Fragen durch das all-gemeine Stimmrecht erfolgt, und während unsere Con-stitution von 1875, welche schon länger gedauert hatals irgend eine, die ihr voranging, ein Kompromißzwischen den Parteien war — warum sollten wir nichtauch in Bezug auf die Erziehung ebenso ver-fahren? Behauptet ihr, die Wahrheit und die ganzeWahrheit zu besitzen, so werden wir euch an die Demutherinnern, welche der menschlichen Schwachheit zukommt.Die Freidenker, Republikaner oder Socialisten, welche sichauf die Wissenschaft und die wissenschaftliche Philosophieberufen, wissen, wie viel ihnen noch fehlt, um auf allejene Fragen antworten zu können, die wir uns stellen.Die Protestanten und Jsraeliten haben zu viel Intoleranzerduldet, um nicht zu begreifen, wie schädlich dieselbe ist,und die Katholiken mögen sich fragen, ob sie einFrankreich haben wollen, das Spanien ähnlich ist. Siemögen bedenken, daß alle Konflikte zwischen Wissenschaftund Religion der Achtung und dem Fortschritt beider ge-schadet haben. Sie mögen die Stelle wieder lesen, wodas Evangelium Demuth und Liebe empfiehlt; sie mögensich daran erinnern, daß der Papst ihnen geboten habe,sich an die Republik anzuschließen. Und könnten nichtselbst diejenigen, welche im Grunde ihres Herzens Le-gitimisten, Orleanisten und Bonapartisten sind, ebenso, wie zu der Zeit, wo man sie von Gott allein — vso