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Neovitalismus.
/ ^ Von Proscssor vr. L. Haas in Possau.
(Vgl. Beilage znr Augsb. Postzcitung Nr. 41 vom 4. Oktober1895 und Eäa XXX, S. 705 sf.)
Erfreulicherweise erheben sich mancherlei Stimmengegen die materialistische Naturerklärung, insbesonderegegen die des Lebens. Zwar hält man auf der einenSeite immer noch starr daran fest, daß in der Zelle dieAtome dieselben Kräfte haben, wie außerhalb einer solchen(Du Bois-Neymond, Rede in d. öffentl. Sitzung d. preuß.Akad. d. WW. am 28. Juli 1894), daß es also eineLebenskraft nicht gibt; doch finden wir die Ansicht, dieim Leben ein Problem sieht, welches nicht nur mechanistisch,sondern sogar physikalisch-chemisch auflösbar sei, ohneweiters als beschränkt bezeichnet. (Driesch, Biologie alsselbstständige Grundwissenschaft.) Bunge führt in seinemLehrbuch der physiologischen Chemie die von ihm be-strittene Behauptung, daß in den lebenden Wesen einzigund allein die Kräfte und Stoffe der unbelebten Naturwirksam seien, darauf zurück, daß wir zur Beobachtung derbelebten und unbelebten Natur immer nur ein und die-selben Sinnesorgane benützen, welche nur einen be-schränkten Kreis von Bewegungen percipiren. Er ver-weist dagegen auf den inneren Sinn zur Beobachtungder Zustände und Vorgänge unseres Bewußtseins. Dieserzeigt uns Qualitäten der verschiedensten Art, Dinge, dienicht räumlich geordnet sind, Vorgänge, die nichts miteinem Mechanismus zu thun haben. Die physiologischeForschung beginnt mit dem complicirtesten Organismus,dem Menschlichen, weil wir durch die Selbstbeobachtung,den inneren Sinn, in dessen innerstes Wesen eindringenkönnen, um der von außen vordringenden Physik dieHand zu reichen. „In der Aktivität steckt das Räthseldes Lebens." Der Referent der Gäa (Or. Klein?) be-merkt mit Recht, daß Neymond übersieht, daß in derThat in den Lebewesen andere Kräfte auftreten als inden Atomen außerhalb der Zelle, nämlich die Motive,welche Aktionen hervorrufen, und zwar mit der gleichenNothwendigkeit, wie die Schwere den nicht unterstütztenStein zum Fallen bringt.
So anerkennenswerth dergleichen Anschauungen undBestrebungen sind, so würde man doch sehr irren, wennman in ihnen sofort eine principiell und wesentlich ver-schiedene Lösung der Frage erblicken wollte. Nur derAusgangspunkt ist vorläufig ein verschiedener. DerNeovitalismus, welcher in neuerer Zeit sich geltendmacht, unterscheidet sich dadurch von dem älteren Vi-talismus, wie ihn die christliche Philosophie und u. a.Joh. Müller und E. H. Weber vertreten, daß er nichtwie dieser zwischen der organischen und anorgan-ischen Kraft unterscheidet. Ein Hauptvertreter desselbenist der Würzburger Professor I)r. Rindfleisch, der schonin seiner Nektoratsrede und neuerdings auf der 67.Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zuLübeck Zeugniß von demselben abgelegt hat.
In seiner Nektoratsrede spricht sich vr. Rindfleischin folgender Weise aus: „Ganz unabhängig von jenenälteren Vitalistischen Theorien hat sich der Neovitalismusentwickelt, welcher die Lebenskraft nur in der innigstenVerbindung mit einem zu ihr gehörigen Lebensstosi kenntund beide gleichzeitig zum Gegenstand wissenschaft-licher Forschung macht. Derselbe ist lediglich bemüht, die
Erscheinungendes Lebens aus der chemisch-physikal-ischen Beschaffenheit des Lebensstosfes zu erklären." .. .„Er verhehlt sich aber nicht, daß cs abgesehen von denErscheinungen des Bewußtseins Thatsachen gibt, welcheder Forschung vielleicht unübersteigliche Hindernisse bietenwerden." Eingehender und zuversichtlicher sind die Dar-legungen in der Rede zu Lübeck , die wir in einer kurzenErörterung auf ihren Werth und ihre Bedeutung prüfenwollen.
Gegenüber der mechanistischen Weltanschau-ung, die zur Erklärung der Vorgänge in der Naturvom Einfachsten und Kleinsten, dem Atome, aus-geht, von dem wir aber immer noch nicht wissen, waSes ist, setzt der Neovitalismus bei dem Verwickelt-sten, dem Weltganzen, ein und sucht den Geistdieses Wcltganzen auch in die elementarsten Bildungenund Vorgänge der Körperwelt hineinzutragen. Der Me-chanismus hat insbesondere das „Wie" der Verbindungvon Kraft und Stoff nicht zu erklären vermocht. DerNeovitalismus hilft sich da ganz einfach: er sucht etwas,bei dem Kraft und Stoff schon möglichst ver-schmolzen sind, und findet dieses Etwas in einemStoffe, der sich selbst bewegt. Ein solcher Stoffist die Welt als Ganzes. Das sich das Weltall selbst bewegt, sei ja eine uns allen geläufigeUeberzeugung, und nichts hindere, sie zum Ausgangs-punkt der ferneren Betrachtung zu machen und zu be-haupten, daß das die ganze Welt bewegende Principnicht auch in den Theilerscheinnngen zu einer den Um-ständen angepaßten Darstellung drängte und in etwelchenVersuchen und Nachbildungen zum Vorschein käme, wieetwa an einem gothischen Tome die Idee des Ganzenauch an der kleinsten Dachverzierung sich ausprägt. Vonden gelungeneren (sind nicht alle gelungen? warumnicht?) unter solchen Nachbildungen werden vorsichtigeRückschlüsse auf das Ganze gemacht, welches ja keinsterbliches Auge mit einem Blick zu umfassenvermag.
Das die Grundanschauung des Neovitalismus.Näthselhaft und unverständlich ist in dieser Darstellung,daß der sich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, inden Theilerscheinungen es nur zu mehr oder minder ge-lungenen Versuchen bringen soll. Wo liegt der Grundhievon? Das Weliganze muß doch als unabhängig undabsolut gefaßt sein. Was als Ganzes vollkommen ist,das ist es doch auch in seinen einzelnen Theilen in ihrerArt; sind die einzelnen Theile (Theilerscheinnngen) oderauch nur ein Theil derselben minder gelungen, soist es auch das Ganze. Die „Umstände" können auchkeinen Einfluß ausüben; denn sie gehören jedenfalls auchzum Ganzen und sind von diesem abhängig. Es bleibtfür den Neovitalismus nur die Annahme übrig, daß dersich selbst bewegende Stoff, das Weltganze, in seinenTheilerscheinungen sich selbst unbegrciflicherweise behindertund beschränkt, ein Widerspruch, der jeder monistischenWeltanschauung von Hause aus anhaftet.
Ist die Grundanschaunng des Neovitalismus neu?Sie erinnert zu sehr an den Hylozoismus der älterenMischen Naturphilosophen, die in naiver Auffassungs-wcise einfach die unmittelbare Einheit von Materie undLeben annahmen. Dieses Leben findet sich bei ihnen inallem. Den Satz des Thales (geb. um 640 v. Chr.),daß alles voll von Göttern sei, kann der Neo»